„Frauen brauchen kein Messer, das geht doch viel besser / Ich mach mir nicht die Finger krumm für irgendein‘ Stecher“, so rappt Ikkimel in einem ihrer neuen Songs mit dem sprechenden Titel „Giftmord“.
Grönemeyer liebt sie
Die Berlinerin bezeichnet sich selbst als „Fotzenrapperin“. Einem größeren Publikum bekannt wurde sie vor etwa fünf Jahren. Ihre Musik ist laut und provokant. Sie singt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: über Sex und die eigene Lust, über ihren Körper und über Männer.
Nach ihrem Debüt („Fotze“) vor einem Jahr erscheint jetzt das zweite Album („Poppstar“). Und wie auch beim Vorgänger ist der Titel Programm. Ikkimel feiert sich selbst. In den letzten zwölf Monaten ist ihr Erfolg nochmal auf ein neues Hoch gewachsen.
Von vielen wird sie als Stimme einer Generation gefeiert. Herbert Grönemeyer adelte sie als „unglaubliche Künstlerin“, lobte ihre „Dreistigkeit“ und „Frechheit“. Doch es gibt auch die, die mit ihren maximalvulgären Texten rein gar nichts anfangen können, um es mal vorsichtig zu formulieren. Um es klar zu sagen: Ikkimel bekommt auch viel Hass ab.
Wut gegen das Patriarchat
Eigentlich heißt sie Melina Strauß, ist Anfang 20 und hat einen Bachelor in Linguistik. Mit ihrem Mix aus Rap, House, Trance oder Hyperpop steht sie seit 2023 bei Four Music unter Vertrag, dem Label der Fantastischen Vier. Sie steht an der Spitze einer neuen weiblichen Generation von Künstlerinnen. Einer Generation, die nicht mehr hinter dem Berg hält mit ihrer Lust, ihrem Körper oder ihrer Meinung.
In der Musik von Ikkimel werden Frauen zu „Baddies“, „Fotzen“ oder „Genies“. Männer sind dagegen peinliche „Stecher“, übergriffige „Hurensöhne“ und dienen generell vor allem der sexuellen Befriedigung von Frauen. Was da aus den Boxen knallt, erscheint erstmal krass, klingt nach offenem Männerhass oder, wie in „Giftmord“, sogar wie ein Aufruf zur Gewalt.
Aber, um das Offensichtliche auszusprechen: Ikkimel ist natürlich Künstlerin. Der Rage, der Sex, das Vulgäre, all das ist erstmal Performance, eine popkulturelle Pose. Die Punchlines sind humorvoll, viele haben Meme-Charakter, so dass sie sich schnell auf Plattformen wie TikTok verbreiten. Aber liest man zwischen den Zeilen, spielt hier auch eine ganz bestimmte Emotion mit: Wut.
Ikkimel dreht den Sexismus um
In „Who’s that“ etwa rappt Ikkimel die Zeile: „Nach sieben Vodka weiß ich nicht mehr, wie ich heiße, aber du schon! Du Hurensohn!“ Eine Anspielung auf eine Situation, die schon viele Frauen erlebt haben dürften: sexuelle Gewalt im Partykontext.
Mit ihrer Musik kanalisiert Ikkimel ihre Wut auf das Patriarchat, auf Realitäten wie, dass fast jeden Tag eine Frau durch ihren Partner ermordet wird. In ihrem umgedrehten Sexismus liegt vor allem eine Selbstermächtigung. Männer rappen schließlich seit Jahrzehnten derbe, sexistisch und vulgär. Nur stört das bei denen anscheinend nicht groß.
Die Texte von Ikkimel sind bewusst überzeichnet und natürlich nicht für jeden etwas. Man darf Ikkimel auch dafür kritisieren, dass sie Drogenkonsum von Ketamin und Koks verharmlost. Oder, dass sie die männlichen Blicke reproduziert und all die Vorurteile über sexuell freizügige Frauen einfach auf das andere Geschlecht münzt.
Ikkimel: „Feminismus geht uns alle was an“
Aber warum sollten es immer ausgerechnet Frauen sein, die sich korrekt verhalten müssen? Auch Männer sollten sich „mal an die Nase fassen“, hat Ikkimel in einem Interview letztes Jahr gesagt. Und dass sie keine Lust habe, das „Sprachrohr der Nation“ zu werden. „Ich finde, Feminismus geht uns alle was an.“

