Rein rechnerisch hat Deutschland seine jährlichen Ressourcen seit 10. Mai aufgebraucht. Kaum etwas zeigt diesen Verbrauch deutlicher als die Müllberge, die dabei entstehen. Müll nimmt inzwischen so gewaltige Ausmaße an, dass er einmal das ultimative Erbe der Menschheit sein wird, sagt die Paläobiologin Sarah Gabbott von der Universität Leicester: „Viel davon wird Hunderte Millionen Jahre überdauern.“
Technofossilien – der Müll der Zukunft
Gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem Paläontologen Jan Zalasiewicz, untersucht sie, wie sich heutiger Abfall langfristig im Gestein niederschlagen könnte. Die beiden vertreten eine provokante These: Müll ist möglicherweise die dauerhafteste Form von Geschichte, die Menschen je geschaffen haben [externer Link]. „Wir werfen Dinge weg und denken, dass sie damit verschwinden. Doch Geologie und Paläontologie zeigen: Ein Großteil wird erhalten bleiben“, sagt Jan Zalasiewicz.
So werden etwa die Trümmer unserer Städte bleiben, in Gesteinsschichten werden Plastikflaschen und Blechdosen überdauern, so wie Paläontologen dort heute auf Knochen und Fußabdrücke von Dinosauriern stoßen. „Technofossilien“ nennen die Forschenden das, und einige davon lassen sich schon heute beobachten.
Meerglas als neues Gestein
Jan Zalasiewicz zeigt das am Beispiel von verwitterten Glasscherben, wie man sie an vielen Stränden findet. Dieses sogenannte Meerglas ist eine neue Art von Gestein, und es entsteht sehr leicht, erklärt der Paläontologe: Indem Glasscherben von Wellen und Gezeiten mitgerissen, in kleine Kieselsteine verwandelt und im Strandsediment abgelagert werden.
Die Zutaten für ein potenzielles Fossil sind demnach aus geologischer Sicht immer ähnlich: Das Material muss widerstandsfähig sein und im Übermaß vorhanden. Beides trifft auf Mülldeponien zu, sagt Jan Zalasiewicz. Dort werden gigantische Mengen langlebiger Materialien auf engem Raum zusammengeschoben – und dann oft luftdicht abgeschlossen.
Deponien als zukünftige Fossilienlagerstätten
„In vielen Deponien kommt kein Sauerstoff an den Müll“, sagt Zalasiewicz. Häufig seien Chemikalien enthalten, die den Zerfall verlangsamen. Dadurch blieben selbst organische Stoffe eher erhalten. Deponien sind außerdem voll mit beständigem Material wie Kunststoff. „Deswegen werden sie einmal riesige Fossilienlagerstätten sein.“
Kugelschreiber, Wattestäbchen, Polyesterkleidung: Vieles davon besteht aus hochkomplexen Kunststoffen. Solche Verbindungen kommen in der Natur praktisch nicht vor und sind für Mikroorganismen nur schwer zu zersetzen.
Kleidung, die nicht verschwindet
Gleiches gilt auch für Kleidung, sagt Sarah Gabbott. Für Archäologen sei es außergewöhnlich, wenn sie erhaltene Kleidungsreste von einst finden. Denn früher bestand sie vor allem aus natürlichen Materialien wie Baumwolle oder Leder und zersetzte sich entsprechend schnell. „Heute sind rund 60 Prozent unserer Kleidung im Grunde aus Plastik“, so Sarah Gabbott. Und vieles davon wird sich kaum zersetzen.
Doch nicht nur Kunststoffe, sondern auch andere Alltagsmaterialien könnten Spuren über geologische Zeiträume hinterlassen. Auch eine einzelne Alu-Dose dürfte nach Ansicht der Paläobiologin sehr lange Bestand haben.
Wie langlebig sind Plastik und Aluminium wirklich?
Im Sediment vergraben, beginne sie irgendwann zu korrodieren, beschreibt Gabbott. Mit der Zeit könne die Dose zerfallen und das Metall sich schließlich so auflösen, dass ein Abdruck im Gestein zurückbleibt. Doch wie lange dieser Prozess dauert, weiß niemand genau: „Dinge wie Aluminium oder Plastik existieren noch nicht lange genug, als dass wir wirklich verstehen, was mit ihnen passieren wird.“
Deshalb hat Sarah Gabbott experimentiert – mit Plastikrührstäbchen, wie man sie vom Coffee to go kennt. Mithilfe von UV-Lampen hat sie jahrelanges starkes Sonnenlicht simuliert, in einer Art Wäschetrockner hat die Forscherin die Plastikstäbchen durchgeschüttelt wie in einem Fluss mit Sand und Steinen. In einer Maschine, die eigentlich der Erdbebenforschung dient, hat sie die Stäbchen einem Druck ausgesetzt, wie er kilometertief in der Erde herrscht.
Das Ergebnis: „Trotz all der Torturen bleibt der Kunststoff chemisch weitgehend derselbe“, so Gabbott. Selbst nach 250 Grad Hitze und Druck von fünf Kilometern Gestein kam das Plastik nahezu unverändert wieder aus den Maschinen – nur etwas verdreht.
Es ist ein ungewöhnlicher Blickwinkel auf unsere heutige Müllproduktion, den die britischen Wissenschaftler mit ihrer Arbeit plausibel machen. Aber diese Perspektive, so hoffen sie, könnte helfen, endlich Strategien gegen die wachsenden Müllberge zu entwickeln.

