Was passiert, wenn ein hochrangiger Politiker laut darüber nachdenkt, wie man das Volk an den KI-Gewinnen teilhaben lassen könnte? Die Börse crasht. So geschehen in Südkorea, wo ein Berater des Präsidenten vorgeschlagen hatte, eine KI-Dividende aus Steuermitteln an die Bürgerinnen und Bürger zu verteilen. Daraufhin sackte der Leitindex KOSPI um fünf Prozent ab (externer Link). Anleger, die in der überhitzten KI-Branche investiert waren, übersahen offenbar das Wort „Steuer“.
KI-Branche an Börse völlig heiß gelaufen
Es ging dem Regierungsberater gar nicht darum, Unternehmen wie Samsung oder SK Hynix etwas von den Gewinnen abzuschneiden. Erst als die Börsianer genauer hinsahen und das erkannten, legten die Kurse wieder zu.
Der Vorfall zeigt zweierlei: Zum einen, wie überhitzt der Handel mit KI-Aktien bereits ist. Unternehmen aus der Branche konnten ihren Wert in den vergangenen Jahren oft vervielfachen. Jetzt reichen kleine Beeinträchtigungen, um die Kurse implodieren zu lassen. Zum anderen lässt sich anhand dieses Beispiels erahnen, wie heftig die gesellschaftliche Auseinandersetzung um künstliche Intelligenz (KI) noch werden könnte. Dass sich in der Bevölkerung gerade ein KI-Groll anstaut, zeigen Proteste, die weltweit aufpoppen.
Maga und US-Gewerkschaften vereint im KI-Protest
Im Februar marschierten beispielsweise in London mehrere hundert Demonstranten an den Zentralen der großen KI-Konzerne wie Google, Meta und OpenAI (externer Link) vorbei. Sie schwenkten Schilder wie „Stoppt KI“ oder „KI? Nur über meine Leiche“.
In den USA schweißt das Thema KI Gruppen zusammen, bei denen man sich bislang keinerlei Gemeinsamkeiten hatte vorstellen können. MAGA-nahe Konservative, progressive Gruppen, Gewerkschaften und religiöse Organisationen haben gemeinsam eine AI-Erklärung (externer Link) unterzeichnet. Darin wird unter anderem gefordert, dass künstliche Intelligenz der Menschheit dienen soll und nicht umgekehrt.
Und in New York wurde vor dem OpenAI-Hauptsitz demonstriert (externer Link), nachdem bekannt wurde, dass die Firma einen Vertrag mit dem Pentagon abgeschlossen hatte. In diesem Zusammenhang gründete sich außerdem die Bewegung QuitGPT (externer Link), in der zum Löschen des ChatGPT-Accounts aufgerufen wird.
KI-Widerstand formiert sich auch in Deutschland
Auch hierzulande wächst der Widerstand. So wollte die US-Firma Edgeconnex im hessischen Landkreis Main-Kinzig ein Rechenzentrum bauen. Die Anwohner wehrten sich – vor allem gegen ein zusätzlich vorgesehenes Gaskraftwerk, das extra gebaut werden sollte, um die Rechner mit Strom zu versorgen. Nun wurde das Milliardenprojekt erst einmal auf Eis gelegt.
Der Widerstand ist offenbar dabei, sich über einzelne Regionen hinaus zu formieren. Im April gab es in Berlin ein Treffen unter dem Motto „Cables of Resistance“ (externer Link), zu dem Hunderte KI-Kritiker kamen.
Auch in Bayern gibt es Konfliktpotenzial
Julian Bothe der Zuständige für die Themen KI, Klimaschutz und Nachhaltigkeit bei der Organisation AlgorithmWatch kennt viele Projekte und Anti-KI-Kampagnen. Im Interview mit BR24 nennt er die Hotspots Berlin-Brandenburg, Frankfurt oder Köln, an denen Rechenzentren entstehen und gleichzeitig der Widerstand in der Bevölkerung zunimmt. In Bayern sieht Bothe Konfliktpotenzial in Mainburg, wo ebenfalls ein Gaskraftwerk zur Versorgung eines neuen Rechenzentrums (externer Link) gebaut werden soll.
Gas-Kraftwerke gefragt wie lange nicht mehr
Der Stromverbrauch von KI-Rechenzentren ist enorm. Einer Studie der Internationalen Energieagentur (externer Link) zufolge wird er von 2024 bis 2030 jährlich um etwa 15 Prozent wachsen und damit mehr als viermal so schnell wie der Gesamtstromverbrauch aller anderen Sektoren. Um den Strom herzubekommen, werden Gaskraftwerke gebaut. Hersteller wie Siemens Energy kommen mit der Produktion neuer Gasturbinen angeblich kaum mehr hinterher (externer Link).
Gewinne wandern ab, Belastungen bleiben
Die Auswirkungen von Bau und Betrieb solcher Rechenzentren inklusive fossiler Kraftwerke würden gerade mehr Gemeinden bewusst, sagt Julian Bothe von AlgorithmWatch. Problem dabei: Die Gewinne wandern größtenteils woanders hin – zu den Hauptquartieren von Firmen wie Google, Amazon oder Nvidia. Die Belastungen trägt aber die Bevölkerung vor Ort.
Eine KI-Dividende, wie sie gerade erst in Südkorea diskutiert worden ist, sieht Bothe auch deshalb eher kritisch. Die zusätzlichen Treibhausgase und deren Auswirkungen auf die Umwelt könne man durch eine Gewinnausschüttung nicht wieder gut machen.

