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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Netzwelt > Kinderhandel-Spekulationen wegen angeblicher Vinted-Anzeigen
Netzwelt

Kinderhandel-Spekulationen wegen angeblicher Vinted-Anzeigen

Benjamin Lehmann
Zuletzt aktualisert 30. Juni 2026 18:51
Von Benjamin Lehmann
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11 min. Lesezeit
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Darum geht’s:

Inhaltsübersicht
Anzeigen folgen ähnlichem MusterLKA appelliert: Inhalte nicht ungeprüft weiterverbreitenVinted und LKA nennen keine konkreten Indizien für FakesÄhnliche Gerüchte verbreiteten sich auch in FrankreichZwei Inserat-Bilder waren schon anderswo onlineFazit
  • Angebliche Screenshots von Anzeigen auf Vinted haben Spekulationen ausgelöst, auf der Secondhand-Plattform würden Kinder verkauft.
  • Das LKA Hessen und Vinted gehen von Fakes aus – allerdings ohne Nennung konkreter Indizien.
  • Nutzer sollen verdächtige Angebote auf der Plattform melden. Bei konkreten Anhaltspunkten für eine mögliche Straftat solle man Angebote und Profile dokumentieren und der Polizei übermitteln.

Disclaimer: Dieser Artikel wurde im Rahmen einer Kooperation des ARD Faktencheck-Netzwerks mit dem ARD-faktenfinder, Deutsche Welle Faktencheck und Deutschlandfunk „Moment mal“ recherchiert.

„Stofftier zu verkaufen“ steht auf dem angeblichen Screenshot einer Anzeige auf Vinted. Auch das Bild eines weißen Plüschhasen ist darauf zu sehen. Auf den ersten Blick eine gewöhnliche Verkaufsanzeige wie unzählige andere auf der Secondhand-Plattform. Auf den zweiten Blick fällt auf: Unter „Beschreibung“ steht „Teddybär mit dickem Hintern zu verkaufen, schreit nicht, hört zu, mag Ohrfeigen“. Auch der Preis von 15.000 Euro irritiert.

Anzeigen folgen ähnlichem Muster

Der #Faktenfuchs konnte nicht unabhängig verifizieren, ob diese und weitere ähnliche angebliche Anzeigen und Screenshots echt oder fake sind. Auf Instagram und anderen Social-Media-Plattformen kursieren derzeit viele solcher angeblicher Screenshots. Viele der so dargestellten „Anzeigen“ folgen einem ähnlichen Muster. Ein Plüschtier, eine Figur oder ein Spielzeug wird zum Verkauf angeboten und der Preis ist ungewöhnlich hoch für das abgebildete Produkt. In einigen Produktbeschreibung liest man Formulierungen wie „Teddybär mit dickem Hintern“ oder „schreit nicht, hört zu“, die die Vermutung zulassen, hier würden pädophile Neigungen angesprochen, um gegen Geld Kinder zum Missbrauch anzubieten.

Das Bundeskriminalamt (BKA) schreibt dem ARD-faktenfinder auf Anfrage, seit dem 23. Juni 2026 häuften sich Anzeigen aus verschiedenen Bundesländern zu der Plattform Vinted. Das Phänomen sei der Behörde grundsätzlich bekannt: „In der Vergangenheit wurden bereits mehrfach Hinweise zu vermeintlichem Kinderhandel über Online-Kleinanzeigen mitgeteilt. Diese Hinweise haben sich seinerzeit nicht bestätigt“, so ein Sprecher des BKAs. Etwaige Ermittlungsverfahren dazu würden in den Ländern geführt.

Hinweise aus der Bevölkerung erreichten auch das Landeskriminalamt (LKA) Hessen. Ein Sprecher schreibt dem #Faktenfuchs auf Anfrage: „Nach derzeitigem Kenntnisstand liegen keine belastbaren Hinweise dahingehend vor, dass es sich um tatsächliche Angebote im Zusammenhang mit Kinder- oder Menschenhandel handelt.“ Auch lägen bislang keine konkreten Erkenntnisse vor, die auf eine akute Gefährdung von Kindern schließen ließen.

In den sozialen Medien sind derweil viele schon zu einem eindeutigen Urteil gelangt. Ein Instagram-Video, das am 26.06.2026 1,6 Millionen Aufrufe hat, beginnt eine Influencerin so: „Vinted verkauft Kinder. Auf Vinted werden Kinder verkauft!“

In den Kommentaren unter Videos zeigen sich Nutzer emotional aufgewühlt. Eine Instagram-Nutzerin schreibt: „Oh Gott, ich höre das zum ersten Mal und bin richtig erschüttert… Wie ist das überhaupt möglich, dass es da keine Sicherheitsmöglichkeiten gibt“. Auf TikTok beteiligen sich Nutzer an Spekulationen und teilen angebliche Screenshots von Anzeigen auf Vinted in den Kommentarspalten.

LKA appelliert: Inhalte nicht ungeprüft weiterverbreiten

Das LKA Hessen schreibt dem #Faktenfuchs: „Die vorliegenden Informationen wurden geprüft und die erforderlichen Maßnahmen eingeleitet.“ Vieles deute auf die Erstellung von Fake-Anzeigen hin, so die Behörde. Diese Einschätzung beruhe „auf den bislang vorliegenden Erkenntnissen sowie auf vergleichbaren Sachverhalten aus der Vergangenheit“. Ob es sich um bewusst provozierende Falschangaben, betrügerische Inserate oder anderweitig manipulierte Inhalte handele, sei Gegenstand der laufenden Prüfungen.

Auch viele andere Fragen sind nach Angaben des LKA Hessen noch offen: Ob die kursierenden Screenshots authentische Inserate zeigen? Ob die Anzeigen koordiniert erstellt wurden? Oder auch: Welche Motive hinter den Anzeigen stecken?

Die Behörde schreibt: „Gleichzeitig bitten wir darum, von Spekulationen abzusehen und Inhalte nicht ungeprüft über soziale Netzwerke oder Messenger-Dienste weiterzuverbreiten. Das unkontrollierte Teilen entsprechender Beiträge kann zu erheblicher Verunsicherung führen und die sachgerechte Bewertung des Sachverhalts erschweren.“

Wer auf ein verdächtiges Angebot stößt, sollte dieses unmittelbar über die Meldefunktion der jeweiligen Plattform melden. Wenn konkrete und nachvollziehbare Anhaltspunkte für eine mögliche Straftat vorliegen, empfiehlt das LKA, die Inhalte zu dokumentieren – etwa durch Screenshots sowie die Sicherung des vollständigen Profil- und Angebotslinks. Diese Informationen solle man der Polizei übermitteln. „Die Sicherheitsbehörden beobachten die Entwicklung weiterhin aufmerksam und prüfen die eingehenden Hinweise fortlaufend.“

Vinted und LKA nennen keine konkreten Indizien für Fakes

Vinted selbst äußerte sich in einer Instagram-Story zu den Spekulationen. Das Unternehmen schreibt: „Wir haben die online geteilten Inserate umfassend untersucht. Dabei haben wir keine Hinweise gefunden, die sie mit Kinderhandel in Verbindung bringen.“ Die Verkaufsplattform weist darauf hin, dass sich bei einigen Inseraten das angegebene Alter auf die Altersgruppe bezieht, für die das Spielzeug gedacht ist, nicht auf ein Kind. Auch Altersangaben oder das Wort „Frühchen“ in Anzeigen nahmen Nutzer zum Anlass für Spekulationen. Hohe Preise könnten in manchen Fällen hohe Sammlerwerte [wie zum Beispiel für eine seltene Superhelden-Figur; Anm. d. Red.] widerspiegeln, so die Verkaufsplattform, „in anderen Fällen handelt es sich leider um Troll-Inserate oder Angebote, die gezielt erstellt wurden, um virale Falschinformationen zu verbreiten.“

TikTok schreibt auf Anfrage des ARD-faktenfinder: „Wie Vinted mittlerweile selbst öffentlich klargestellt hat, handelt es sich bei den gezeigten Inseraten um Troll-Beiträge, die ‘gezielt erstellt wurden, um virale Falschinformationen zu verbreiten’“. TikTok habe daher mehrere Inhalte, die gegen die Richtlinie zu Fehlinformationen verstoßen haben, entfernt. Auch das TikTok-Video einer deutschen Influencerin dazu, das am 24. Juni 2026 2,7 Millionen Aufrufe erreicht hatte, war am Tag darauf nicht mehr auf TikTok auffindbar.

Konkrete Indizien dafür, dass die Screenshots der Anzeigen fake sind, nennen allerdings weder Vinted noch die Polizei. Vinted schreibt: „Wir nehmen Sicherheit sehr ernst und bitten unsere Community, verdächtige oder irreführende Inserate zu melden, damit wir sie prüfen und gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen können.“

Ähnliche Gerüchte verbreiteten sich auch in Frankreich

Die deutsche TikTokerin, deren Video inzwischen gelöscht wurde, schreibt dem #Faktenfuchs, sie sei durch eine französische TikTokerin auf das Thema aufmerksam geworden und habe festgestellt, dass es auch in Frankreich bereits diskutiert wird. Daraufhin habe sie selbst auf Vinted nachgeschaut und konnte innerhalb weniger Minuten ein entsprechendes Angebot finden. In Frankreich verbreitet sich die Spekulation, auf Vinted würden Kinder zum Verkauf und Missbrauch angeboten, tatsächlich schon länger.

Eine andere deutsche Influencerin, die ein Reel zum Thema auf Instagram veröffentlichte, schreibt dem #Faktenfuchs auf Anfrage: Sie sei der Meinung, dass man lieber einmal zu viel als einmal zu wenig gucken sollte. Was sie und viele andere irritiert habe, seien nicht die Anzeigen an sich oder die Bilder in den Anzeigen – sondern die Infos, die in den Beschreibungen stehen, die verstörend seien.

Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstelle Frankfurt am Main schreibt dem ARD-faktenfinder auf Anfrage: „Nach unseren langjährigen Erfahrungen als Zentralstelle der Staatsanwaltschaften in Hessen sind in der Vergangenheit aber grundsätzlich alle verfügbaren Möglichkeiten der Online-Kommunikation genutzt worden, um Abbildungen des sexuellen Kindesmissbrauch (Kinderpornografie) zu verbreiten oder Anbahnungen des sexuellen Kindesmissbrauchs (Cybergrooming) durchzuführen.“

Zwei Inserat-Bilder waren schon anderswo online

Zum Zeitpunkt der Recherche waren die konkreten Anzeigen zu den angeblichen Screenshots, die sich auf TikTok und Instagram verbreiteten, nicht auf der Plattform online. Auch Anzeigen, die das beschriebene Muster erfüllen – also mit sowohl verdächtigen Beschreibungstexten als auch sehr hohen Preisen – waren zu diesem Zeitpunkt nicht oder nicht mehr aufzufinden. Grundsätzlich entsprechen die Screenshots aber dem Aufbau und Aussehen einer Anzeige auf Vinted.

Möglich wäre, dass Nutzer Fake-Anzeigen erstellt und tatsächlich in Vinted eingestellt haben – nur, um Screenshots davon zu erstellen und diese auf sozialen Medien zu verbreiten. Vinted-Anzeigen enthalten die Angabe, wie lange eine Anzeige schon online ist. Manche der angeblichen Anzeigen wurden nur wenige Sekunden vor Aufnahme des Screenshots hochgeladen. Bei anderen liegt das Upload-Datum der angeblichen Anzeigen mehrere Stunden zurück.

In zwei Fällen konnte der #Faktenfuchs die Bilder aus den angeblichen Angebote mithilfe von Bilder-Rückwärtssuchen an anderen Stellen im Netz wiederfinden. Ein Bild eines Fidget-Spinners (eines kleinen Spielzeugs, das man zwischen zwei Fingern kreiseln lassen kann) aus einer Anzeige wurde bereits vor mehr als zwei Jahren von einem Nutzer auf Pinterest hochgeladen. Ein Plüschtier der Animationsfigur „Kung Fu Panda“ aus einer Anzeige fand sich in einer gewöhnlichen Anzeige auf der Verkaufsplattform kleinanzeigen.de vom 8. Juni 2026 wieder. Das könnten Hinweise darauf sein, dass diese beiden angeblichen Vinted-Anzeigen mithilfe von Bildern aus dem Netz gefälscht wurden. Bilder anderer Anzeigen fanden sich jedoch auf diesem Weg nicht an anderen Stellen im Netz – auch die von zehn angeblichen Screenshots, die besonders verdächtige Beschreibungstexte aufwiesen und die der #Faktenfuchs gesichert hat, nicht.

Fazit

Echtheit und Ursprung von angeblichen Vinted-Screenshots, die auf Kinderhandel und Missbrauch schließen lassen könnten, sind derzeit unklar. Das LKA Hessen und das Unternehmen Vinted gehen davon aus, dass es sich dabei um Fakes handelt – jedoch ohne Nennung konkreter Indizien. Der #Faktenfuchs konnte die Screenshots nicht unabhängig verifizieren.

 

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Von Benjamin Lehmann
Benjamin Lehmann schreibt für das Ressort Netzwelt der WirtschaftsRundschau. Mit seinem Fachwissen in digitalen Technologien und Internetkultur informiert er über aktuelle Trends und Innovationen und bietet den Lesern wertvolle Einblicke in die digitale Welt.
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