Während andernorts gegen Rechenzentren protestiert wird, sucht die mittelfränkische Stadt Treuchtlingen händeringend nach jemandem, der bei ihr eines baut – bislang vergeblich. Auf den Fall aufmerksam wurde der KI-Podcast von BR und SWR durch eine Mail von Bürgermeisterin Christina Becker (CSU).
Der Fall ist quasi das Gegenstück zum hessischen Groß-Gerau, wo die Kommune ein weit gediehenes Projekt des Betreibers Vantage zuletzt kippte. In Treuchtlingen ist es umgekehrt: Hier will man unbedingt – und findet niemanden.
Eine Kommune in den Startlöchern
Die Stadt hat eine Machbarkeitsstudie erstellen lassen und sieht sich gut aufgestellt: viel Energie aus Erneuerbaren, geklärte Fragen zu Wasser und Abwärmenutzung, dazu politische Einigkeit. Für Dunkelflauten liege eine Zusage des Netzbetreibers über bis zu 200 Megawatt vor. Das wäre mehr als genug für ein wirklich großes Rechenzentrum. Zum Vergleich: Das aktuell weltweit größte Rechenzentrum, Colossus, hat einen Energiebedarf von 280 Megawatt.
Selbst wenn das Rechenzentrum in Treuchtlingen am Ende kleiner ausfallen sollte: Die Voraussetzungen scheinen perfekt. Dennoch: Seit über einem Jahr schreibt die Kommune Mails an Betreiber, an das bayerische Wirtschaftsministerium und an die Staatskanzlei. Die Antworten fielen freundlich aus – passiert sei am Ende wenig.
Warum Deutschland aufholen will
Der Fall trifft einen Nerv. Das Bundeskabinett hat im März 2026 die erste nationale Rechenzentrumsstrategie beschlossen: Bis 2030 sollen die Kapazitäten mindestens verdoppelt werden, auf über sechs Gigawatt. Die KI-Rechenleistung soll sich gar vervierfachen. „Deutschland braucht mehr Rechenpower“, so Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU).
Neben der wirtschaftlichen Relevanz gibt es auch geopolitische Dringlichkeit. In Europa steht nur ein kleiner Teil der weltweiten KI-Rechenleistung, der Großteil in den USA – und die bauen weiter rasant aus. Rechenkapazitäten könnten in einem internationalen Umfeld, das zunehmend von Konfrontation gezeichnet ist, ein wichtiger Hebel für Verhandlungen sein. Etwa wenn es um den Zugang zu modernen KI-Systemen geht. Erst kürzlich hat die US-Regierung den Zugang von Nicht-Amerikanern zum modernsten KI-Modell Claude Fable 5 gesperrt. Analysten halten es für denkbar, Zugang zu europäischen Rechenkapazitäten für Zugriff auf amerikanische KI zu tauschen (externer Link).
Die Spurensuche – zu wenig private Unternehmen?
Dazu müsste Europa aber mehr Rechenzentren bauen, auch in Deutschland. In Treuchtlingen scheint vieles zu stimmen, und trotzdem bewegt sich nichts. Der KI-Podcast hat nachgehakt: In Bayern ist die Zuständigkeit über mehrere Ministerien verteilt. Es gibt zwar eine Kontaktstelle für Kommunen, an die sich Treuchtlingen schon vor Monaten gewandt hatte. Wie genau der Bearbeitungsstand der Angelegenheit dort ist, ist jedoch bislang unklar. Auch beim privaten Betreiber verlief die Spur im Sande: Die Anfrage habe das zuständige Team für Standortprüfungen offenbar gar nicht erreicht. Woran genau es hier hakt, ist unklar.
Die Antwort könnte kontraintuitiv sein: Womöglich gibt es schlicht zu wenig private Unternehmen, die in Deutschland große KI-Rechenzentren auslasten können. Anders als in den USA fehlen tragfähige Geschäftsmodelle. In den Niederlanden sind laut Umweltbundesamt viele Zentren gar nicht ausgelastet, auch die EU fahre ihre Pläne eher zurück. Telekom-Chef Tim Höttges sagt kürzlich: „Die Deutsche Telekom braucht keine AI-Gigafactory. Deutschland braucht eine AI-Gigafactory.“
Konstruktionsfehler im Anreizsystem
Mit anderen Worten: Es gibt in Deutschland einen Konstruktionsfehler im Anreizsystem. Auf der einen Seite steht das übergeordnete Interesse von Staat und Europa, die Rechenzentren als kritische Infrastruktur begreifen. Auf der anderen Seite die Kalkulation einzelner Unternehmen, für die sich ein Bau erst rechnet, wenn die Auslastung halbwegs gesichert ist. Im Moment passt beides nicht zusammen.
Es ist ein klassisches Koordinationsproblem: Mehrere Akteure wären grundsätzlich bereit, den ersten Schritt zu gehen – ansiedlungswillige Kommunen wie Treuchtlingen, einzelne Investoren, der Bund. Aber keiner will als Erster ins Risiko gehen, und sie finden bislang nicht zusammen. Solange diese Lücke bleibt, dürfte sich das Treuchtlingen-Muster wiederholen: Der Wille ist da, die Strategie steht auf dem Papier, die Fläche liegt bereit – nur bebaut sie niemand.

