Es sind Hunderte, die gekommen sind, um Florentina Holzingers „Étude“ zu sehen. Bei 34 Grad warten sie auf glühend heißen Steinstufen in der prallen Sonne. Die Glücklichen haben einen Platz ganz unten, mit den Füßen im Bodensee. Denn die Performance lässt auf sich warten.
Dann taucht ein Helikopter auf. Am Ende der Bucht holt er eine riesige Glocke von der Seebühne der Bregenzer Festspiele ab. Sie hängt an einem langen Seil. Der Helikopter lässt die Glocke über dem Bodensee schwingen und ins Wasser stürzen, dicht neben einem Ponton mit einem Kran. An dessen Ausleger hängen Seile ins Wasser.
Holzinger hatte im Vorfeld der Aktion gesagt, sie habe sich intensiv mit dem Bodensee befasst: „Der ist eben so tief und es gibt da diese Nebelentwicklung. Es ist ein Glazialsee und es ist auch der Trinkwasserspeicher. Wir beschäftigen uns aber auch mit der Infrastruktur, die da vorzufinden ist an gewissen Orten. Da sind die Festspiele, da ist diese Riesenbühne, da baden viele Leute, da sind viele Kids und da sind viele Rentner.“
Bodensee Étude in Bregenz
Leises Trommeln ist zu hören und wird dann lauter. Auf dem Ponton dirigiert eine nackte Frau mit wilden Gesten die Perkussionistinnen am Ufer. Plötzlich zieht der Kran an den Seilen einen großen verzierten Metallring aus dem Wasser, wie ein Radleuchter in einer Kirche. Daran hängen sechs nackte weibliche Körper, an den Hüften aufgehängt. Sie baumeln wie leblos. Doch mit den sphärischen Klängen beginnen sie, sich aufzurichten. Minutenlang vollziehen sie eine langsame Choreografie, wie ein menschliches Windspiel, während der Kran sie in schwindelnde Höhe zieht und wieder senkt.
Auf einmal hakt ein Seil. Ein Begleitboot muss helfen, damit am Seil unter den Tanzenden plötzlich die Glocke wieder aus dem Bodensee auftauchen kann. Holzinger hat sich als nackter menschlicher Klöppel in der Glocke unter Wasser festgemacht. In der Luft am Kran beginnt sie, die Glocke zum Klingen zu bringen.
Vor der Performance hatte die Künstlerin erklärt, am Bodensee faszinierten sie die alten Legenden von im See ruhenden Schiffen oder vom Teufel, der eine Glocke in den See geworfen hat: „Von denen gibt es eben hier viele, speziell in Bezug auf den See und auf die Nebelglocken, und die Dimension, die die Nebelglocke hier eingenommen hat, für die Schifffahrt und dass das eben Einzug in diese Legenden gefunden hat, dass da eben Glocken begraben liegen, die man eben dann hört.“
Kunst zwischen Poesie und Schmerz
Mit ihrem menschlichen Glockenschlag, der für Schmerz und verrinnende Zeit steht, den sie als ein Warnsymbol an die Menschheit verstanden wissen will, hatte Holzinger auch die Biennale in Venedig eröffnet. In Bregenz endet die Performance nach 40 Minuten mit einem wilden Wirbel Holzingers auf einem hängenden Metallblech.
Viele sind begeistert: „Großartig, absolut überwältigend. Man hat so viel Widerhall in sich selbst gefunden. Die Menschlichkeit so an einem existenziellen Punkt zu sehen, wie die Körper aus dem Wasser, wie die Glocke aus dem Wasser, das hat auch sehr viel Symbolik gehabt, die mich sehr berührt hat“, sagt eine Zuschauerin.
Ein Zuschauer vom westlichen Ende des Bodensees hingegen ist enttäuscht: „Das, was ich zu sagen hätte, würde in Österreich, wo Frau Holzinger inzwischen den Status einer Nationalheiligen besitzt, keine Begeisterung auslösen. Ich hatte eigentlich gedacht, dass da viel poetischere Bilder entstehen. In so einem Setting wie See, Sonnenuntergang, Glocke. Das ist vielleicht ein bisschen naiv heutzutage, von Bildern zu träumen, die eher in Richtung Märchen gehen.“
Auf Extremes, wie sie es in anderen Performances zeigt, Urin oder Blut, muss Holzinger am Bodensee verzichten, denn für den Trinkwasserspeicher gelten strenge Auflagen. So ist von dem, was sie normalerweise anprangert – Ausbeutung menschlicher Körper, Overtourism, Vermüllung der Umwelt, Bedrohung durch den Klimawandel – in dieser Performance nicht viel zu sehen.

