Anfang der Woche war der internationale Tag des Kusses. Seinen Ursprung soll der Tag in Großbritannien haben, möglicherweise als Zeichen gegen die Politik der „eisernen Lady“, der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher. Politisch motiviert ist dabei nicht nur der Tag des Kusses, sondern es sind auch viele Küsse selbst. Manche sprechen von einer regelrechten Kussdiplomatie.
Küssen kann auch politisch sein
„Wenn ich jemanden privat küsse, ist das schön. Wenn ich jemanden öffentlich küsse, dann gebe ich allen anderen, die das mitbekommen, im Fernsehen, Fotos, Zeitungen, damit auch etwas zu verstehen“, sagt Hektor Haarkötter, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Autor des Buches „Küssen. Eine berührende Kommunikationsart“.
Natürlich – es gibt private Küsse. Doch seit Jahrhunderten auch politische. Das zeigt beispielsweise der sozialistische Bruderkuss: Dabei gehe es nicht darum, dem Geküssten Emotionen mitzuteilen, sondern denen, die den Kuss miterleben, eine Botschaft zu vermitteln: Solidarität. Im Sinne der sozialistischen Ideologie werde damit auch vermittelt, dass das Private immer politisch sei, so Haarkötter.
Früher wurde in der katholischen Kirche mehr geküsst
Auch im religiösen Kontext spielt das richtige Küssen eine Rolle. So wird traditionell der Fischerring des Papstes von Gläubigen geküsst. „Wie jede andere Kommunikationsart kann auch das Küssen soziale Unterschiede zementieren. Wenn man den Fischerring des Papstes küsst, ist das ein Nach-oben-Küssen. Ich mache klar, ich stehe unter dir und warte auf Befehle“, erklärt Haarkötter. Papst Franziskus beispielsweise hatte aber auch immer wieder damit gebrochen, weil er im Moment des Kusses kurzerhand seine Hand weggezogen hatte und den Gästen stattdessen einen Händedruck anbot.
In der katholischen Kirche wurde früher viel mehr geküsst als heute. Der Priester deutet den Kuss am Altar nur noch an, und auch der Friedensgruß, bei dem sich die Gläubigen die Hand geben und den Frieden wünschen, war in frühchristlichen Zeiten kein Gruß, sondern ein Friedenskuss. Die Küsse symbolisierten zu Beginn des Christentums die Hierarchielosigkeit und verdeutlichten, dass vor Gott alle gleich sind. Beendet wurde das erst im Mittelalter.
Grenzüberschreitungen: Küsse können auch Skandale verursachen
Obwohl Küssen positiv konnotiert ist, kann es aber auch Skandale auslösen, wenn es als unangemessen empfunden wird. Der Dalai Lama küsste 2023 vor laufender Kamera einen Jungen und witzelte, der Junge solle seine Zunge ablecken – im Westen führte das zur Empörung, weil der kulturelle Code hierzulande nicht zu verstehen war. Der spanische Fußballverbandspräsident, Luis Rubiales, küsste vor drei Jahren ungefragt eine Spielerin.
Andere ikonische Küsse verändern über die Jahre ihre Bedeutung: Ein amerikanischer Matrose, der eine Krankenschwester auf dem Times Square überschwänglich küsst, galt lange als Symbol der Freude über das Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach mehreren weltweiten MeToo-Debatten wird das Motiv heute eher skeptisch gesehen.
Küssen als Sprache mit Dialekten
„Küssen ist im Grunde nichts anderes als eine Kommunikationsart. Die Sprache ändert sich auch. Wörter, die früher äußerst positiv konnotiert waren, sind heute negativ konnotiert“, sagt Hektor Haarkötter und spricht dabei auch von sogenannten „Kussdialekten“, die je nach Kultur unterschiedlich sind.
Der Franzose Emmanuel Macron beispielsweise gilt als Dauerküsser, der US-Amerikaner Donald Trump küsst nie andere Politiker. Die deutsche Anna-Lena Baerbock (Grüne) verweigerte 2023 als Außenministerin den Kuss ihres kroatischen Amtskollegen.

