Wie in seinen Gedichten ist Joachim Ringelnatz auch als Maler auf besondere Weise den Tieren verbunden. Seine Darstellungen von Elefanten, Giraffen oder Meeresbewohnern gehören zu den schönsten und berührendsten Gemälden dieser Ausstellung, findet auch Museumsdirektor Stefan Dahme. „In dem Bild „Zwei Fische“ schauen einen die Fische eigentlich an wie zwei Menschen, die vielleicht miteinander im Dialog sind, aber vielleicht auch den Dialog mit dem Betrachter aufnehmen.“ Darin zeige sich Ringelnatz‘ Witz ganz deutlich.
1883 als Hans Gustav Bötticher geboren, benannte sich Ringelnatz sogar nach einem Tier: dem Seepferdchen, das in der Sprache der Matrosen Ringelnass heißt. Im Bild „Tiefsee“ von 1926 meint man dann auch die Umrisse eines Seepferdchens am Bildrand zu erkennen.
Ringelnatz war Autodidakt. In seinen meist kleinformatigen Ölbildern orientierte er sich am Stil der Zeit – an der Neuen Sachlichkeit, dem Magischen Realismus und dem Surrealismus. Seine Bilder wirken naiv, fast kindlich und zugleich fantastisch. Das Bild „Urtier“ etwa zeigt ein Wesen, das ebenso gut aus dem Universum von Star Wars stammen könnte. Das Gemälde „Seeungeheuer“ wiederum einen riesigen Fisch, der auch als Titelbild eines Kinderbuchs funktionieren würde.
Tiere und das Meer
Neben den Tieren beschäftigen Ringelnatz aber auch ganz andere Themen: den Himmel mit seinen leuchtend weißen Wolken, die aufkommende Industrialisierung mit Fabriken und Lokomotiven, einsame Landschaften und ausschweifende Saufgelage. Außerdem die Schifffahrt. Als Matrose war Ringelnatz mehrere Jahre selbst zur See gefahren und zeigt stürmische Wellen, Küstenlandschaften oder das Eismeer.
Dahme sieht darin den „Melancholiker“ Ringelnatz. „Innerhalb der Neuen Sachlichkeit gibt es eine neuromantische Strömung“, sagt er, „und da kann man ihn gut zuordnen.“ Wenn Ringelnatz das Eismeer male, beziehe er sich vielleicht sogar auf den großen Romantiker Caspar David Friedrich.
Tatsächlich war Ringelnatz mit den Malern Otto Dix und George Grosz sowie der Bildhauerin Renée Sintenis befreundet. In den 1920er-Jahren, als er als Maler besonders produktiv wird, stellt er sogar mehrfach gemeinsam mit ihnen aus – unter anderem in der Berliner Galerie von Alfred Flechtheim.
Ein Sachse in München
Sein Lebensmittelpunkt ist zu dieser Zeit bereits München. Der gebürtige Sachse war über den Norden früh nach Bayern gekommen. Seit etwa 1907 sei Ringelnatz im Alten Simpl „sehr präsent als Hausdichter“ gewesen, erzählt Dahme. Dort lernte er auch seine spätere Frau kennen, die er „Muschelkalk“ nannte. Mit ihr lebte er viele Jahre in München.
Umso erstaunlicher ist, dass Ringelnatz in Bayern heute weder als Dichter noch als Maler besonders präsent ist. Die Bilder dieser Ausstellung stammen fast alle aus dem Norden – der Großteil aus dem Joachim-Ringelnatz-Museum in Cuxhaven, weitere aus Hamburg oder Kiel.
In einem seiner späten Bilder von 1930, vier Jahre vor seinem Tod, setzt Ringelnatz den Alpen ein Denkmal. Die Sonne glüht rot hinter den Bergen, im Vordergrund steht idyllisch eine kleine Hütte im Schnee.
Anders als in seinen Gedichten, die oft derb, ironisch und frei von der Leber weg geschrieben sind, entdeckt man in Ringelnatz‘ Malerei einen nachdenklichen, sehnsüchtigen Menschen. Keine Frage: Ringelnatz war der größere Poet als Maler. Und doch lohnt es sich, dieses charmante Werk auf Leinwand zu entdecken.
Die Ausstellung „Es hat sich selbst aus mir gemalt – Joachim Ringelnatz als Maler“ ist bis zum 4. Oktober im Buchheim Museum in Bernried zu sehen.

