„Irgendwas ist hier noch nicht in Ordnung“, so der Publizist Michel Friedman in seiner Rede im Bayreuther Festspielhaus über den Antisemitismus von Richard Wagner und die „Verdrängung“ der zwiespältigen Geschichte der Festspiele: „An diesem Wochenende beginnt es, das neue Bayreuth, die neue Ordnung des Aufarbeitens, des Ausgrabens, des Sprechens über den Komponisten, über die Familiengeschichte – und den Missbrauch von Musik in aller Klarheit öffentlich zu machen.“
Friedman erinnerte daran, dass bei der Wiedergründung der Festspiele im Jahr 1951 politische Diskussionen seitens der Familie ausdrücklich unerwünscht gewesen seien, nach dem Motto „Hier gilt’s der Kunst“, einem Zitat aus den „Meistersingern von Nürnberg“: „Wie liebevoll vom Grünen Hügel gesprochen wird, in der Hoffnung, dass man die braune Erde darunter nicht sieht.“
„Ambivalentes, störendes Gefühl“
Selbstverständlich dürfe sich jeder auf die Festspielsaison freuen, so Friedman, doch dass in den Nachkriegs-Jahrzehnten, als die NS-Generation noch lebte, am Roten Teppich niemals danach gefragt worden sei, wie sich die Gäste „auf diesem Grundstück“ fühlten, empfinde er als „bemerkenswertes Verdrängen“. Er persönlich habe bei seinem ersten Auftritt zur Festspieleröffnung jedenfalls ein „ambivalentes, ein störendes Gefühl“ gehabt.
Friedman sprach auf der Bayreuther Festspielbühne, auf der schwarz gekleidete Musiker stehend Wagners „Siegfried-Idyll“ und ein Bläserquintett von Pavel Haas spielten, einem tschechisch-deutschen Komponisten, der 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde. Im Hintergrund war nur das Wort „Antisemitismus“ zu lesen.
Weimer: „Gut, dass über die Wunde gesprochen wurde“
Bundeskulturstaatsminister Wolfram Weimer sagte dem BR im Anschluss: „Es war eine wichtige und große Rede. Michel Friedman hat den Finger in eine Wunde gelegt, die einfach da ist. Und es ist gut, dass über diese Wunde gesprochen wird, und er hat von einer neuen Etappe gesprochen, die jetzt beginnt. Ja, ich sehe das auch so und es ist gut, dass wir diese Etappe nun miteinander beginnen.“
Eine „neue Ära“ auszurufen hielt Weimer allerdings für „übertrieben“: „Das ist vielleicht auch ungerecht gegenüber denjenigen, die in den vergangenen Jahrzehnten schon auch Erinnerungsarbeit geleistet haben. Da darf man auch nicht so tun, als hätte es das nicht gegeben. Aber es hat jetzt eine andere Qualität des Bewusstseins und des Bewusstmachens, und das hat Katharina Wagner bewusst auch so angelegt, und mir gefällt das, ich finde das richtig und freue mich, dass dieser Weg nun beschritten wird.“
Blume: „Kultur des Verdrängens ersetzen durch Kultur des Erinnerns“
Bayerns Kunstminister Markus Blume sprach von einem „extrem wichtigen Vormittag mit einer wahnsinnig starken Rede“, die „intellektuell brillant“ gewesen sei: „Durchaus abgewogen, ohne übertriebene Härte, deutlich machend, dass wir dringend, und zwar in der gesamten Bundesrepublik genauso wie hier auf dem Grünen Hügel in Bayreuth, eine Kultur des Verdrängens ersetzen müssen durch eine Kultur des Erinnerns.“
Es sei „ehrlicherweise auch ein Mahnruf“ gewesen, die Demokratie nicht als selbstverständlich zu nehmen und sich „entspannt zurückzulehnen“: „Es war ein Einfordern an uns alle, jeden Tag entschieden für diese demokratische Resilienz auch einzutreten.“
„Teilweise zu Tränen gerührt“
Die „neue Haltung, dieser neue Umgang, dieses neue Gesicht“ der Bayreuther Festspiele sei positiv zu bewerten: „Das tut den Festspielen gut, und wahrscheinlich ist es wirklich so, dass viel zu lange dieser Teil der Geschichte ausgeblendet wurde. Ja, es gab schon immer in den letzten Jahren Bemühungen, aber sie waren noch nie so öffentlichkeitswirksam, ohne dabei irgendwas zu verstecken und vom künstlerischen Werk von Richard Wagner wegzunehmen. Sich dieser Geschichte zu stellen, in dieser Art und Weise, wie das jetzt hier geschehen ist, fand ich beispielgebend und das Macht Mut für vieles andere bei uns im Land.“
Der Berliner Anwalt Peter Raue, der viele prominente Kulturschaffende vertritt, sagte zur Friedman-Rede: „Das hat mich teilweise zu Tränen gerührt, weil er so in die Mitte getroffen hat und gezeigt hat, dass wir gerade wieder an einem Punkt stehen, wo möglicherweise morgen die Faschisten wieder regieren. Die Aufforderung, dabei nicht zuzuschauen, sondern nein zu sagen, die war großartig.“

