Männer haben immer schon Röcke getragen – die römischen Legionäre oder die Schotten etwa. Immer wieder versuchen Designer wie Jean Paul Gaultier oder später Virgil Abloh, dem Mann den Rock wieder schmackhaft zu machen. Gerade an heißen Tagen sorgt er für Kühlung und bessere Durchlüftung. Aber warum fremdeln Männer mit diesem Kleidungsstück, das doch in vielen Kulturen als normal für Männer wie Frauen angesehen wird?
Zu feminin?
Einige ihrer Studenten trügen Rock über langen Hosen, sagt Diana Weis, die in Berlin Modetheorie und -journalismus lehrt. Aber das seien Ausnahmen: „Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass der Rock immer noch sehr stark mit Weiblichkeit verbunden wird, mit Femininität. Dass man sich dann nicht als ‚echter Mann‘ fühlt im Rock. Die Sehgewohnheiten haben sich einfach noch nicht entsprechend verändert.“
Damit steht der Rock nicht allein. Männermode war unter Aristokraten jahrhundertelang sehr körperbetont. Die Beinmuskulatur betonten enganliegende Seidenstrümpfe, das Becken wurde durch geschlitzte Pluderhosen oder abstehende Uniformjacken hervorgehoben.
Das änderte sich im 19. Jahrhundert mit dem Herrenanzug, wie Karl Borromäus Murr vom Textil-und-Industriemuseum Augsburg erzählt: „Während der Mann modetechnisch sozusagen eingefroren wird in diesem berühmten dunklen Anzug, findet alles, was Veränderung sein kann, in der weiblichen Mode statt.“ Und das sei noch bis heute zu spüren, „dass wir gar nicht eingeübt haben, dass Männer sich wechselhaft kleiden, dass sie viel stärker eben den Körper präsentieren. Wir haben das alles im 19. Jahrhundert auf die Frau verlagert und das sind noch die letzten Auswirkungen“.
Der Mann, der Mode-Verlierer
In Modefragen, so scheint es, sind Männer eindeutig auf der Verliererseite – viel weniger Auswahl, viel weniger Trends. Da drängt sich die Frage auf: Wieso schließt der Kapitalismus nicht diese Marktlücke? Mode könne nur so frei sein wie die Gesellschaft, in der sie existiert, sagt Diana Weis: „Es gibt auch eine ganz klare Hierarchie, die dahintersteht, dass die Dame sich ja nicht nur die Herrenmode erobert hat, sondern eben auch viele Freiheiten, die vorher nur Männern zugestanden wurden.“ Dahinter stehe die Idee, „die Frau steigt zum Manne auf. Wohingegen es als Abstieg begriffen wird, wenn der Mann sich nun der Frau annähert“.
Man könnte vielleicht auch positiv gemünzt sagen: Wer sich weiblich kleidet, hat keine Angst, Macht zu teilen. Negativ ausgedrückt: Manche Männer fürchten, ohne Anzug noch mehr von ihren Privilegien abgeben zu müssen.
Wie auch immer dieser Geschlechterkampf ausgeht, für alle mutigen Rockträger hat Diana Weis eine dringende Bitte: „Also ich finde, eigentlich sollten alle einfach das anziehen können, was sie gerne möchten. Aber da müssen halt die Füße gepflegt sein – und da hapert es halt teilweise.“ Wenn man bestimmte Körperteile zeige, dann sollten man diesen eben auch eine gewisse Aufmerksamkeit und Pflege widmen. „Denn das ist ja auch eine Form von Schönheitsarbeit, die auch selbstverständlich immer erwartet wird, dass Frauen die leisten und nicht drüber sprechen. Und bei Männern, die die nicht leisten, fällt das eben unangenehm auf.“

