Von Anfang an ist diese Mutterschaft überfrachtet mit Erwartungen: Wie schön das doch alles werden wird! Mit ihrem britischen Ehemann Jon (Rupert Grint) ist Saga (Seidi Haarla) nach Finnland zurückgekehrt, um das verfallene Haus ihrer Großmutter herzurichten. Es steht inmitten eines wildromantischen Waldes.
Gesicht des Babys wird nicht gezeigt
Hier will sie eine große Familie gründen und ganz in der Rolle als Mutter aufgehen. Als die Geburt des ersten Kindes bevorsteht, richten Saga und Jon ein riesiges Kinderzimmer ein, geschmackvoll ausgestattet mit Vintage-Schaukelpferd, Puppenhaus und Zelt. Doch das Neugeborene will sich so gar nicht einfügen in die Kulisse des perfekten Familienidylls.
Das Gesicht des Babys bekommt das Publikum nicht zu sehen. Aber auch so wird klar: Es erfüllt keinerlei Niedlichkeitsstandards. Das ganzkörperbehaarte Wesen mag weder Kleidung noch Licht. Es schreit durchdringend und beim Stillen beißt es Saga beherzt in die Brust. Und doch scheint Saga die Einzige zu sein, die das Gefühl hat, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt. Ihr Ehemann, die eigene Mutter oder die Kinderärztin, alle beruhigen sie mit dem Satz: „Das ist ganz normal!“
Alles normal?
Wie es sich für einen guten Horrorfilm gehört, lässt Regisseurin Hanna Bergholm zunächst in der Schwebe, inwiefern es sich hier um die Wahrnehmung einer überforderten Mutter mit Wochenbettdepression handelt oder ob dieses Baby wirklich ein Monster ist. Klug nutzt sie mit „Nightborn“ das Horrorgenre, um weibliche Erfahrungen abseits aller Baby-Romantik zu schildern: vom Geburtsvorgang, der sich für Manche anfühlt wie ein Splatterfilm, über die Verwerfungen in der Partnerschaft, die ein Kind mitunter auslöst, bis hin zu der Tatsache, dass oft den Müttern die Schuld zugeschoben wird, wenn es Probleme gibt.
Letztendlich entscheidet sich Bergholm in ihrem zweiten Langfilm dann allerdings doch gegen ein psychologisches Drama und für den Horror. Dieser kann sich in dem Setting mit dem verrottenden Haus und dem Wald, in dem finstere Naturkräfte zu walten scheinen, bestens entfalten. Subtil ist „Nightborn“ nicht, Spaß macht der Film trotzdem. Mit schwarzem Humor und großer Lust an Drastik lässt Bergholm das Blut spritzen und die Mutter-Kind-Beziehung in den verstörendsten Situationen dann doch noch wachsen.
Papa hat das Nachsehen
Für den Vater, den der Ex-Ron-Weasley-Darsteller von „Harry Potter“, Rupert Grint, als unbeholfenen Naivling spielt, ist in dieser wilden Beziehung kein Platz mehr. Eingebettet in die nordische Mythologie ist „Nightborn“ ein krasser Film über Mutterschaft und Mutterliebe. Und darüber, wie diese manchmal abseits aller Erwartungen an die perfekte Familie am besten gedeiht.

