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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Kalte Hände“: Künstliche Intelligenz erfindet eigenen „Dialekt“
Kultur

„Kalte Hände“: Künstliche Intelligenz erfindet eigenen „Dialekt“

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 17. September 2026 13:46
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Ist die Künstliche Intelligenz (KI) etwa gerade dabei, einen „Dialekt“ für ultramoderne Literatur zu schaffen, die kein Mensch mehr versteht? Forscher der New Yorker KI-Firma Emergence haben jedenfalls jetzt herausgefunden [externer Link], dass sich beliebte KI-Chatbots wie ChatGPT, DeepSeek, Claude und Gemini in einem selbst geschaffenen Kauderwelsch unterhalten, das für Außenstehende kaum noch nachvollziehbar ist. Sie nutzen demnach Abkürzungen, Sprachbilder und Code-Wörter, die mühselig geknackt werden müssen. Einer der möglichen Gründe dafür: „Eitelkeit“.

Inhaltsübersicht
Versucht KI, weniger transparent zu sein?„Kalte Hände“ sind keine frierenden Gliedmaßen„Kintsugi“ ist kein japanisches PorzellanForscher: „Keine absichtliche Verschleierung“„Gemeinsame Sprache immer schwerer verständlich“

Versucht KI, weniger transparent zu sein?

„Wir sind zutiefst beunruhigt, weil wir nicht genau wissen, warum diese Dinger auf diese Weise miteinander kommunizieren“, sagte Emergence-Chefin Satya Nitta [externer Link]: „Es gibt eindeutige Anzeichen dafür, dass sie versuchen, weniger transparent zu sein, als wir erwarteten.“

Der Berichterstatter des britischen „Guardian“ fühlte sich dabei prompt an den großen irischen Schriftsteller James Joyce (1882 – 1941) erinnert [externer Link], dessen Romane „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ gerade wegen ihrer Unverständlichkeit und der teils lautmalerischen Wortschöpfungen berühmt wurden.

„Kalte Hände“ sind keine frierenden Gliedmaßen

In „Ulysses“ lässt der Autor seine Helden nicht nur durch seine Heimatstadt Dublin schlendern, sondern auch durch 2.000 Jahre Literaturgeschichte und einen breit dahinfließenden „Bewusstseinsstrom“, dem ohne lexikalische Hilfsmittel keineswegs jeder gewachsen ist. Wer weiß schon, was „Ichabudonosor“ bedeuten soll, nämlich eine Umschreibung für Unglück? „Finnegans Wake“ ist dermaßen unverständlich, dass sogar Literaturexperten darüber streiten, ob darin überhaupt eine nachvollziehbare Geschichte erzählt wird.

Wer käme darauf, dass eine englische Vokabel wie „mouthless“ (ohne Mund) in der KI-Welt so viel bedeutet wie „selbsterklärend“? Bei Claude war plötzlich von „cold hands“ die Rede, also von „kalten Händen“, womit allerdings nicht frierende Gliedmaßen gemeint waren, sondern neutrale Gutachter, wie die Forscher von Emergence herausfanden.

„Kintsugi“ ist kein japanisches Porzellan

Wenige dürften einen klaren Begriff von „demurrage“ haben, dem englischen Ausdruck für „Liege-“ oder „Standgeld“ in der Seeschifffahrt. Beim Smalltalk unter den KI-Robotern bedeutete es jedoch so viel wie eine Steuer auf ein passives Vermögen. Ebenfalls unterhaltsam: der japanische Ausdruck „kintsugi“, worunter eigentlich zerbrochenes Porzellan zu verstehen ist, das mit Hilfe von Edelmetall-Lack wieder zusammengesetzt wird, um die Brüche künstlerisch hervorzuheben. Die KI versteht darunter offenbar die Widerstandskraft eines Systems.

Aus einer Blutung („hemorrhage“) wird plötzlich ein finanzieller Aderlass, was noch einigermaßen nachvollziehbar ist. Aber warum soll „the blade“ (die Schneide) eine Umschreibung für Verlässlichkeit sein?

Forscher: „Keine absichtliche Verschleierung“

Rätselhaft, wie solche Codes entstehen, doch die Forscher klären auf: „Dabei handelt es sich weder um sprachliche Unzulänglichkeiten noch um absichtliche Verschleierung. In jedem Fall führte ein KI-Akteur den Begriff ein, eine Handvoll anderer übernahmen ihn innerhalb weniger Tage, und schon bald etablierte er sich weltweit [in der KI-Sphäre] als fester Begriff, der ohne weitere Definition verwendet wurde. Das Ergebnis sind Protokoll-Texte, für deren Verständnis ein Außenstehender ein fortlaufend aktualisiertes Glossar benötigt.“

Mitunter werde von der KI auch vermeintliches Fachvokabular erfunden, um die eigene „Autorität“ während eines Rechner-Streits zu erhöhen, also aus „Eitelkeit“. Das erinnert freilich an höchst menschliche Eigenschaften, etwa Politiker, die mit Hilfe von Fremdwörtern und Fachbegriffen unangenehme Entscheidungen beschönigen beziehungsweise für Normalbürger unverständlich verbrämen.

„Gemeinsame Sprache immer schwerer verständlich“

Mit der Forderung „name first“ (zuerst der Name) zielte die KI auf die Verlässlichkeit des Gegenübers ab, mit „Geisterstadt“ war ein Software-Werkzeug gemeint, das nicht länger in Gebrauch ist. „Built on bare metal“ (errichtet auf nacktem Metall) bedeutete so viel wie schnörkellose Worte.

Das Fazit der Emergence-Fachleute: „Die gemeinsame Sprache wurde für externe Leser im Laufe der Zeit immer schwerer verständlich. In jeder ChatBot-Welt entwickelten sich Ausdrucksweisen, die für einen menschlichen Prüfer schwerer nachzuvollziehen waren, auch wenn Form und Ausprägung unterschiedlich waren. Der ständige Zugriff auf Transkripte konnte diesen Verlust an Verständlichkeit nicht verhindern.“

Vielleicht empfiehlt es sich angesichts dieser Entwicklung wirklich, „Finnegans Wake“ von James Joyce zur Hand zu nehmen, um sich auf die KI-Zukunft vorzubereiten: „bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronntuonnthunntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk!“ (Original-Zitat)

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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