Anton G. Leitner hat sich in Weßling in Oberbayern einen Lebenstraum erfüllt: Seit rund 35 Jahren verlegt er zeitgenössische Lyrik. Seine Zeitschrift „Das Gedicht“ gilt als eines der wichtigsten Organe für moderne Poesie im deutschsprachigen Raum. Wirtschaftlich reicht es für ihn und eine Angestellte gerade so für die schwarze Null.
Seit dem 12. August aber setzt ihm eine neue EU-Regel zusätzlich zu: die europäische Verpackungsverordnung. Händlerinnen und Händler, die ins EU-Ausland liefern, müssen sich in jedem einzelnen Land registrieren, dort einen Dienstleister benennen und melden, wie viel Verpackung sie in Umlauf bringen – Pappe, Plastik oder Styropor. Bedenkliches Material wird teurer, damit sich umweltfreundlichere Verpackungen lohnen.
Ziel: Weniger Verpackungsmüll
Was die Umwelt schützen und Verpackungsmüll vermeiden sollte, bedeutet für die Verlagsassistentin Gabriele Trinckler: Jede Büchersendung kann zum Problem werden. „Wir bewegen uns da quasi im illegalen Bereich, wenn wir jetzt verschicken“, sagt sie.
Leitner verschickt jährlich rund 200 Bücher ins EU-Ausland. Doch auch für ihn kostet die Registrierung in jedem einzelnen EU-Land mehrere Hundert Euro. Das ärgert ihn. Denn: „Das ist völlig unwirtschaftlich und völlig wahnsinnig für uns“, kritisiert der Verleger.
Wenn die Lieferung aus Italien nicht mehr kommt
Die Folgen der neuen EU-Verpackungsverordnung spüren auch Käuferinnen wie Diletta Tavanti, Auszubildende beim Bayerischen Rundfunk und Fan asiatischer Popkultur. Für ihre Kostüme und ausgefallenen Anzüge sucht sie spezielle Stoffe – bisher oft im europäischen Ausland.
Seit Inkrafttreten der Verordnung liefern viele kleinere Shops jedoch nicht mehr nach Deutschland. „Vor allem nicht die kleineren Hersteller“, sagt Tavanti. Besonders frustriert sie Bestellungen aus Nachbarländern: „Theoretisch könnte ich mit dem Auto hinfahren und wäre in drei Stunden da. Es ist eine Grenze dazwischen, die wir nicht bemerken, und doch ist sie halt da. Ich kann es nicht bestellen, das nervt.“
Spezialitäten aus Italien, besondere Teesorten, kreative Geschenke – vieles bleibt im Herkunftsland, weil kleine Händler den neuen Aufwand scheuen.
Mittelstand kämpft mit Verpackungsbürokratie
Nicht nur Kleinstbetriebe sind betroffen. Das Autohaus Kunzmann in Kleinostheim bei Aschaffenburg verschickt aus seinem Teilecenter bis zu 400 Pakete am Tag in alle europäischen Länder. Verpackt wird dort bereits seit längerem in 100 Prozent recyclingfähigem Material, möglichst klein und materialsparend.
„An sich ändert sich für uns bei der Verpackung gar nichts. Wir waren schon ökologisch“, sagt Dennis Ostner, Leiter des Teilezentrums. Neu ist vor allem der Papierkrieg: Registrierung in jedem EU-Land, unterschiedliche Vorgaben, teils mit notariell beglaubigten Bevollmächtigten. „Das ist einfach ein bürokratischer Irrsinn“, so Ostner.
Geschäftsführer Karl Diehm beziffert den Mehraufwand plus zusätzlicher Kosten auf rund 20.000 Euro pro Jahr – plus drei Mitarbeitende, die sich aktuell mit der Verordnung beschäftigen.
Brüssel reagiert – Entlastung für kleine Unternehmen soll kommen
In Brüssel verteidigt die grüne EU-Abgeordnete Jutta Paulus die Verordnung grundsätzlich: „Im Endeffekt geht es darum, denen die Verantwortung zu geben, die auch tatsächlich für die Verpackungen verantwortlich sind. Auch solche Dinge wie übergroße Verpackungen sind dann nicht mehr erlaubt.“
Gleichzeitig räumt sie ein, dass die Kritik der Kleinbetriebe „total berechtigt“ sei und die Kommission die Auswirkungen auf Kleinstunternehmen besser hätte prüfen müssen. Im Umweltausschuss haben die Abgeordneten daher beschlossen, kleine und Kleinstunternehmen künftig von Teilen der Pflicht auszunehmen und einen digitalen sogenannten „One-Stop-Shop“ zur Registrierung zu schaffen – also eine zentrale Stelle, an der sich Unternehmen für die Ausnahmeregelung registrieren könnten. Die Entscheidung des Plenums steht noch aus, soll aber am heutigen Dienstagmittag stattfinden. Bis zur Umsetzung in geltendes Recht wird es jedoch auch dann noch dauern.
Für Anton G. Leitner kommt die Entlastung womöglich zu spät: Er stellt seine Zeitschrift (externer Link) ein. Eine seiner letzten Büchersendungen will er persönlich nach Österreich bringen und dort Freunden übergeben, die den Versand übernehmen. Wer mit kleinen Auflagen über Grenzen hinweg verkaufen will, muss also vorerst andere Wege finden.

