„Die deutsche Musikbranche ist gerade ziemlich leise“, schreibt Anton Teichmann, Betreiber des Berliner Labels Mansions and Millions, in seinem Brandbrief (externer Link): „Wie die deutsche Indie-Musikbranche ihre eigene Freiheit verspielt“ bewegt sich irgendwo zwischen Zukunftsangst und Branchen-Kritik.
Darin bezieht sich Teichmann auf den Buchpreis-Eklat im Zusammenhang mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer aus dem Frühjahr 2026. Damals hatte Weimer über das Haber-Verfahren drei von einer unabhängigen Jury nominierte linke Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis ausschließen lassen, ohne ihnen die Gründe offenzulegen.
Signale, „die man eher aus autoritären Systemen kennt“
Nun befürchtet Teichmann, dass ähnliche Vorgänge auch in der Musikbranche passieren könnten, und kritisiert, dass viele in der Branche die Gefahr nicht ernst genug nehmen würden. Schon jetzt würde er beobachten, dass „sich Leute zweimal überlegen, ob sie sich mit bestimmten Haltungen überhaupt für öffentliche Förderung bewerben“, wie er im Interview mit Bayern 2 Zündfunk sagt. Es gäbe bereits Ängste, vom Verfassungsschutz durchleuchtet zu werden. Signale, „die man eher aus autoritären Systemen kennt und nicht aus einem demokratischen Land“. In seinem Text fordert er mehr Solidarität für die Menschen, die sich für die Interessen Musikschaffender einsetzen – kritisiert aber gleichzeitig die Unabhängigkeit eben dieser Interessensvertretungen.
Viele wichtige Einrichtungen der Musikindustrie sind auf Förderungen angewiesen – darunter beispielsweise Interessensverbände wie der Verein Pro Musik e.V., der Verband unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT) oder die Akademie für Populäre Musik. Und ein Großteil dieser Förderung stammt aus dem Etat des Kulturstaatsministers: Wolfram Weimer. Ein Eingriff in die Förderung brächte die Verbände womöglich in einen Interessenskonflikt, befürchtet Teichmann.
Interessenvertretungen in der Popmusik keine Selbstverständlichkeit
Nina Graf vom Verein Pro Musik weist den Vorwurf zurück: „Wir haben uns mit als einer der allerersten Verbände kritisch zu dem Vorgehen von Wolfram Weimer geäußert, was sein Prozedere bei dem Buchhandlungspreis anging.“ Darin hätten sie deutlich kritisiert, dass kulturpolitische Förderung nicht an Gefälligkeit gebunden werden dürfe. Auch Birte Wiemann vom VUT verweist in einem Statement gegenüber Bayern 2 Zündfunk darauf, dass sich die Zusammenarbeit mit der Politik und kritische Äußerungen nicht ausschließen.
Was die Öffentlichkeit nicht sieht: die Arbeit der Interessenverbände im Hintergrund, die Gespräche mit Parlamentariern, anderen Verbänden, dem Team des Kulturstaatsministers selbst. Und Interessenvertretungen waren „in der Popmusik nie eine Selbstverständlichkeit“, sagt Balbina, Popmusikerin und Sprecherin der Akademie populäre Musik. Es gäbe viele „relevante Stimmen, die sich tagtäglich dafür einsetzen, dass der Wert von Kultur überhaupt wahrgenommen wird, geschätzt und dann halt auch angemessen verhandelt wird.“
Sie habe nicht den Eindruck, dass Stillstand herrscht, eher im Gegenteil. Als Beispiele nennt sie die zahlreichen Initiativen innerhalb der Akademie, die Arbeit von Pro Musik oder auch Solidaritätskonzerte. Gerade in Zeiten „fragmentierter digitaler Bubbles“ sei für sie „dieses reale Machen im Jetzt, fernab von Social-Media-Kacheln“ mehr denn je „Ausdruck von Solidarität“.
„Widerstand jetzt“, fordert Labelbetreiber Johann Scheerer
Mit seinem Text stößt Teichmann aber auch auf Zustimmung in der Branche. „Danke für die klaren Worte“, schreibt etwa der DJ und Veranstalter Michail Stangl auf Instagram. „Sehr wahr alles“, kommentiert Johann Scheerer, Labelbetreiber von Cloud Hills sowie Autor und Musiker aus Hamburg. Er hatte selbst im Juli in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung „der Freitag“ „Widerstand jetzt“ gefordert und Wolfram Weimers geplante Kürzungen für den Bundeshaushalt Kultur 2027 kritisiert. Im Bereich der Popmusik soll gekürzt werden, wohingegen für die Bayreuther Festspiele eine Million Euro mehr vorgesehen sind.
Weimer käme „aus einer völlig anderen Medienlandschaft als dieser sehr diversen, sehr speziellen, sehr einzigartigen Landschaft der Nachwuchsmusik“. Außerdem unterstellt Scheerer dem Kulturstaatsminister, dass er sich in seinem Leben noch nie wirklich mit dem Pop-Nachwuchs auseinandergesetzt habe.
Kulturstaatsminister weist Befürchtungen zurück
Der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, weist hingegen die geäußerten Befürchtungen zurück. Das sogenannte Haber-Verfahren – also eine geheimdienstliche Überprüfung durch den Verfassungsschutz – werde bislang nicht in der Musikförderung angewendet. Es sei generell ein Ausnahmeinstrument, das nur in einzelnen Fällen bei konkreten Anhaltspunkten zum Einsatz komme. Außerdem sehe man keine Hinweise darauf, dass Kulturschaffende deshalb seltener Förderanträge stellen würden.

