Die CD ist die große Tragische unter den Musikmedien. Als im Spätsommer 1982 im niedersächsischen Langenhagen der Phillips-Tochter Polygram die ersten Scheiben in Serienfertigung vom Band liefen, da trugen sie ihren Tod bereits in sich.
Ab Mitte der 2000er wurde die CD von MP3 und Streaming abgelöst
Die CD war das erste digitale Musikformat der Geschichte. Das machte sie wahnsinnig erfolgreich – und war Ursache ihres raschen Niedergangs. Denn schon bald, spätestens aber Mitte der 2000er-Jahre, entledigte sich der digitale Kern seiner silbrig-glänzenden Hülle. Die Scheibe, alles eitel Materie, wurde obsolet. Die digitale Information – erst MP3, später Streaming – stand fortan für sich. Und ist längst die dominante Form der Musiknutzung geworden.
Die Verkaufszahlen der CDs sind in den vergangenen 20 Jahren stetig gesunken. Im ersten Halbjahr 2026 machte sie gerade mal noch 6,6 Prozent am Gesamtumsatz der Musikindustrie aus. Das klingt verschwindend gering – lässt Branchenkenner allerdings hellhörig werden.
In den USA ist der Aufwärtstrend noch deutlicher
Hans Schmucker spricht am Telefon jedenfalls von einem „positiven Zeichen“. Schmucker arbeitet bei der GfK in Baden-Baden, dem deutschen Marktforschungsunternehmen, das sich unter anderem um die Ermittlung der offiziellen Musik-Charts kümmert. Ihm zufolge ist der Absatz der CD im zurückliegenden Halbjahr in Deutschland gestiegen. Zum ersten Mal in zwei Jahrzehnten.
Gut, 0,8 Prozent sind nicht die Welt. Auch Schmucker ist der Ansicht, dass man „dieses Plus nicht überbewerten sollte“. Aber einen gewissen Signalwert hat es trotzdem. Vor allem dann, wenn man Richtung USA schaut. Dort sind die CD-Verkäufe sogar um satte 16 Prozent gestiegen. Zeichnet sich da ein Trend ab?
Schmucker ist da vorsichtig. Man müsse differenzieren, sagt er. Entscheidend für den Erfolg der CD in den USA seien vor allem Gruppen wie BTS oder Blackpink. K-Pop sei in Nordamerika noch mal sehr viel erfolgreicher als bei uns, meint Schmucker. Die Fangemeinde sei wesentlich größer. Und damit auch die Nachfrage nach allem, was mit den K-Stars zu tun habe.
Ein Treiber: Das Musikrevival der 90er und 2000er
Längst kommen deren Alben in verschiedenen Versionen auf den Markt, manchmal im „Bundle“ mit T-Shirts oder Konzerttickets. Das kurble auch die Verkäufe physischer Tonträger an, sagt Schmucker und erinnert an die große Zeit der Boybands in Europa, an Backstreet Boys und Konsorten. „Da will man natürlich alles haben, was mit der Band zu tun hat.“
Die Backstreet Boys sind ein gutes Stichwort. Sie führen nämlich zu einem zweiten Grund für die steigende Nachfrage nach CDs: dem Musikrevival der 90er und 2000er. Vor allem Social Media sorgt dafür, dass immer wieder einzelne Songs aus dieser Zeit viral gehen und so auch jüngere Menschen erreichen.
Entscheidend ist aber: Dieser Trend macht nicht in den Streaming-Charts Halt. Auch bei physischen Tonträgern greifen die neuen Fans der alten Songs zu. Und hier vor allem bei der CD, die wie kein anderes Format für die Zeit steht, aus der diese Musik kommt. Seine Kollegen in den USA hätten sogar ermittelt, dass viele dieser jungen CD-Käufer gar keine Abspielgeräte dafür besäßen, berichtet Hans Schmucker. Die CD ist für sie eher ein (ironisches) Accessoire, das man sich ins Wohnzimmer stellt, um einen bestimmten Vibe oder Lifestyle zu zitieren.
Deutschland: Tote Hosen und Unheilig treiben Verkaufszahlen nach oben
Und hier liegt der wahrscheinlich größte Unterschied zu Deutschland. Denn das leichte Umsatzplus hierzulande hat mutmaßlich eher mit einer Käufergruppe zu tun, die durchaus noch einen CD-Spieler in der Wohnung hat. Es sind nämlich vor allem die Erfolge der Toten Hosen („Trink aus, wir müssen gehen!“, Platz 1 der Halbjahres-Charts) und der Deutschrock-Band Unheilig („Liebe Glaube Monster“, Platz 4 der Halbjahres-Charts), die aktuell für den Höhenflug der CD sorgen. Bands also, die von einer Fanbase leben, die noch mit den silbrigen Scheiben sozialisiert wurde.
Ob die 0,8 Prozent also nur mit zwei sehr starken Alben zu tun haben oder tatsächlich ein Indiz für einen sich anbahnenden Trend sind, dahinter setzt Hans Schmucker ein großes Fragezeichen. In zwei, drei Jahren sind wir auf jeden Fall schlauer.

