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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Besuch im „Giftschrank“: Diese Bücher darf (fast) keiner lesen
Kultur

Besuch im „Giftschrank“: Diese Bücher darf (fast) keiner lesen

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 11. Oktober 2024 07:48
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Gefährlicher Lesestoff, den Bibliothekarin Silvia Daniel als Anschauungsmaterial bereitgelegt hat. Da findet sich zum Beispiel ein Band mit Texten der „Roten Armee Fraktion“ (RAF), gedruckt 1977 in Schweden, wohlgemerkt in deutscher Sprache. Als der Titel auch hierzulande vertrieben werden sollte, wurde er polizeilich beschlagnahmt. Weil jede wissenschaftliche Einordnung fehlt und die eingefügten Kommentare sogar mit der Terrororganisation sympathisieren, wird das seltene Buch nur Forschern vorgelegt, die ein begründetes Interesse daran nachweisen können.

Inhaltsübersicht
„Sehr gute Begründung“ nötig„Man muss den Gegner kennen“Tauziehen um Klaus Manns „Mephisto“In Paris ist der Bestand „die Hölle“

„Sehr gute Begründung“ nötig

„Ich glaube, dass unsere Kolleginnen und Kollegen einen guten Blick dafür haben, ob jemand mit einem seriösen wissenschaftlichen Anliegen kommt“, so Silvia Daniel gegenüber dem BR. Sie hat ein weiteres brisantes Buch aus dem Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek mitgebracht: die Verhörprotokolle des NS-Schreibtischtäters und Massenmörders Adolf Eichmann, einem der Hauptorganisatoren des Holocaust. Er wurde im Mai 1960 vom israelischen Geheimdienst Mossad in Argentinien gefasst, nach Israel gebracht und vor Gericht gestellt.

Eichmann persönlich korrigierte und ergänzte handschriftlich die Abschriften seines polizeilichen Verhörs. Das Material wurde fotokopiert und veröffentlicht, soll jedoch auf gar keinen Fall in die falschen Hände gelangen: „Wenn Sie diesen Band sehen wollen, dann müssen Sie schon eine sehr gute Begründung vorweisen“, so Silvia Daniel. Unerträglich der Gedanke, Neonazis könnten die handschriftlichen Anmerkungen von Eichmann als so bizarre wie menschenverachtende Antiquität ins Netz stellen.

„Man muss den Gegner kennen“

„Bei solchen Titeln geht es immer auch um die Verhinderung ihrer Verbreitung, deshalb stellen wir sie nur im Lesesaal zur Verfügung“, begründet die Bibliothekarin die besondere Vorsicht im Umgang mit solchen Titeln. Silvia Daniel verweist allerdings auch darauf, dass die Bayerische Staatsbibliothek international als eine der führenden Institutionen für die Geschichtsforschung gilt und sich daher darum bemüht, auch Schriften in den Bestand aufzunehmen, die als extremistisch gelten oder sogar behördlich verboten wurden.

In der NS-Zeit war das mit umgekehrtem Vorzeichen übrigens auch der Fall: Damals sammelte die Staatsbibliothek antifaschistische Exil-Literatur, in der von den Konzentrationslagern und der Entrechtung der europäischen Juden die Rede war. Silvia Daniel: „Das wurde damals auch von offizieller Seite akzeptiert. Dahinter stand natürlich immer der Gedanke, der auf alle Zeiten gleichermaßen zutrifft, dass man seinen Gegner kennen muss, um ihn zu bekämpfen.“

Tauziehen um Klaus Manns „Mephisto“

Originell ein vielfach beklebtes Bibliotheks-Exemplar des Romans „Mephisto“ von Klaus Mann, eine bitterböse Parodie auf den NS-Günstling und Starschauspieler Gustaf Gründgens. Das Buch erschien 1936, war damals natürlich in Deutschland verboten und durfte erst nach dem Krieg veröffentlicht werden, wo es eine absonderliche „Karriere“ machte, wie es Silvia Daniel ironisch ausdrückt. Der Alleinerbe von Gründgens klagte nämlich durch alle Instanzen bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht, das in dem Roman schließlich einen Verstoß gegen den „postmortalen Persönlichkeitsschutz“ erkannte.

Mit dem „Verblassen der Erinnerung“ an Gründgens durfte der Roman dann allerdings ab 1981 wieder vertrieben werden. Dieses politische und rechtliche Hin und Her dokumentieren Bleistift-Anmerkungen von Verantwortlichen der Bayerischen Staatsbibliothek auf der Titelseite des vorgelegten Exemplars. Dort wurde seinerzeit eigens betont, dass auch die englische und französische Übersetzung des Titels wieder „ausleihbar“ seien.

In Paris ist der Bestand „die Hölle“

Beim Rundgang durch die Regale verweist die Expertin darauf, dass wohl erstmals der legendäre Reporter Egon Erwin Kisch von einem „Giftschrank“ sprach, als er in seinem berühmten Reportageband „Hetzjagd durch die Zeit“ (1926) auf Bücher zu sprechen kam, die in der Deutschen Bibliothek in Leipzig unter besonderer Aufsicht stehen.

In Paris nennen sie solche Bestände etwas übertrieben „L’enfer“, die Hölle, auch in Harvard sei der Begriff „Inferno“ üblich. Andere Büchereien wählen dafür griechische Buchstaben, etwa Delta- oder Zeta-Kollektion. In Oxford ist von „Phi“ die Rede, wobei die lautmalerische Nähe zum „Pfui“ wohl volle Absicht ist. In Deutschland greift man gern zum Lateinischen und bezeichnet die weggesperrten Bücher auch als „Secreta“ oder „Separata“.

Dieses Thema ist auch Teil der Bayern 2-Serie „Leichen im Keller“ bayerischer Museen.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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