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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Unmöglicher Abschied“: Neues von Nobelpreisträgerin Han Kang
Kultur

„Unmöglicher Abschied“: Neues von Nobelpreisträgerin Han Kang

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 15. Dezember 2024 18:46
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Auch in der Extremsituation bleibt diese Erzählerin empfindlich für Details. In ihrem neuen Roman „Unmöglicher Abschied“ schickt Han Kang ihre namenlose Hauptfigur in einen Schneesturm. Alles flirrt, alles ist kalt, nass, dunkel. Und doch ist es ein ganz stilles Ereignis, das die Aufmerksamkeit der Protagonistin anzieht: eine einzelne „nahezu perfekte(e), sechseckig(e)“ Schneeflocke, die auf ihrem Handschuh landet und schmilzt. Ein Augenblick, festgehalten wie in Zeitlupe.

Inhaltsübersicht
Eine Erzählerin mit Sinn fürs DetailHan Kang thematisiert die Folgen eines historischen MassakersWie oft bei Han Kang: Frage nach dem Warum von GewaltHan Kangs Appell: Gerechtigkeit durch Aufarbeitung

Eine Erzählerin mit Sinn fürs Detail

Solche sinnlichen Details bestimmen die Wahrnehmung der Figuren in diesem Roman. Sie haben ein eigenes Gewicht in einer Welt, die die größten Schrecken beinhaltet. Denn auch das wird die Ich-Erzählerin erfahren: Schneeflocken können Leben oder Tod anzeigen.

Wenn der Körper erkaltet ist, lässt er die Flocken nicht mehr schmelzen, die auf ihm landen. So weit reicht der Bogen, den „Unmöglicher Abschied“ spannt, von der intakten Schneeflocke bis zur Suche nach Überlebenden zwischen Leichen, die vom Schnee bedeckt werden.

Han Kang thematisiert die Folgen eines historischen Massakers

Beginnen lässt Han Kang ihren neuen Roman mit einer ziemlich irrwitzigen Mission. Die Ich-Erzählerin ist auf Bitte ihrer Freundin Inseon, die nach einem Unfall im Krankenhaus liegt, aus Seoul auf die Insel Jeju geflogen, mitten in einem Schneesturm. Zu Fuß kämpft sie sich zu einem abgelegenen Haus durch – weil sie dort einen weißen Vogel füttern soll.

Surreal oder irrational – das sind keine Kategorien für Han Kangs Frauenfiguren, die tun, was sie tun müssen, ihren inneren Stimmen folgen. Schon bald ist nicht mehr klar, wo die Realität aufhört und der Traum anfängt. In unwirklichen, vielleicht imaginierten, vielleicht erinnerten Dialogen wird Stück für Stück die Geschichte von Inseons Familie entfaltet – und mit ihr die gewaltvolle Geschichte Südkoreas und der Niederschlagung des Jeju-Aufstands von 1948.

30.000 Menschen wurden damals auf der Insel brutal umgebracht. Die Revolte wurde der Verbindung mit dem kommunistischen Norden bezichtigt, die von den USA unterstützte Regierung in Seoul ließ Hunderte von Dörfern abbrennen. Es gab Massenerschießungen und tausende spurlos Verschwundene.

Wie oft bei Han Kang: Frage nach dem Warum von Gewalt

Angesichts der Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind, welchen Sinn machen da Worte wie „Irrwitz“ oder „Vernunft“, scheint dieser Roman zu fragen. Warum nicht sein Leben riskieren für einen weißen Vogel?

Was Menschen Menschen antun, die fassungslose Frage nach dem „Warum“, gehören zu den zentralen Fragen in Han Kangs Werk. Bei ihrem Welterfolg „Die Vegetarierin“, in der eine Frau zur Pflanze werden will, ging es um den Versuch, sich dieser Gewalt zu entziehen. „Unmöglicher Abschied“ schließt daran an: Sich dem menschlichen Dasein als Pflanze verweigern oder einen Vogel retten – beides sind Formen, sich zu verweigern, sich dem „Vernünftigen“ nicht zu beugen.

„Unmöglicher Abschied“ erinnert allerdings auch an Han Kangs Roman „Menschenwerk“. Auch dieser thematisierte ein Massaker, Gwangju 1980, wo die südkoreanische Militärregierung die Demokratiebewegung niederschlagen ließ. Han Kangs Familie war erst kurz vorher aus der Stadt weggezogen. Die Erkenntnis, dass sie auch unter den Opfern hätte sein können, beschäftigte sie intensiv.

Han Kangs Appell: Gerechtigkeit durch Aufarbeitung

Han Kangs Romane selbst sind nicht dokumentarisch, aber sie erzählen vom Schmerz der Spurensuche, von den Mühen der Aufarbeitung, dem Versuch, Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wenn diese Literatur einen Appell enthält, dann nicht zur Revolution, sondern zu stiller, hartnäckiger Aufmerksamkeit.

Ins Deutsche übertragen wurde auch „Unmöglicher Abschied“ wieder von Ki-Hyang Lee, selbst preisgekrönte Übersetzerin, die eine schlichte, klare, manchmal etwas trockene Sprache für den Roman findet. Das verstellt auf sehr subtile Art den Blick auf das, was dieser Roman eigentlich ist: eine Zumutung.

Sanft zieht er sein Publikum hinein in Schnee und Schmerz und Alptraum. Gleichzeitig möchte man sich entziehen und weiterlesen – über diese irrwitzige Welt, in der auch ein weißer Vogel eine Rettung sein kann.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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