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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Endlich mal ausbüxen: Musical „Chess“ in Eggenfelden
Kultur

Endlich mal ausbüxen: Musical „Chess“ in Eggenfelden

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 15. Februar 2025 09:49
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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„Wir leben in schwierigen Zeiten“, heißt es im Musical „Chess“. Gemeint ist damit der Kalte Krieg in den frühen Achtziger Jahren. Amerika und Russland ringen um Vorteile, und zwar mit allen Mitteln, auch bei internationalen Schachturnieren, denn es geht ums Prestige. Diese „schwierigen Zeiten“ sind offenbar nie zu Ende gegangen, oder sie sind wieder da, jedenfalls könnte „Chess“ nicht aktueller sein, mit der Rivalität zwischen Washington und Moskau.

Inhaltsübersicht
„Ich habe an Spieluhren gedacht“„Belügen wir uns gegenseitig?“Für eine Runde reicht es immer noch

„Ich habe an Spieluhren gedacht“

Um ehrlich zu sein ist es nicht wirklich ein „Musical“ im engeren Sinne, sondern eher ein Konzeptalbum mit der Musik der beiden ABBA-Komponisten Benny Andersson und Björn Ulvaeus. Insofern machte Regisseur Manuel Dengler am Theater an der Rott in Eggenfelden alles richtig, weil er gar nicht erst versuchte, die schwer nachvollziehbare Handlung realistisch abzubilden oder nachzuerzählen.

Vielmehr geht es um die grundsätzliche Frage, wie sehr wir Menschen fremdbestimmt sind: Sowohl der amerikanische, als auch der sowjetrussische Schachgroßmeister spielen Rollen, die ihnen von außen (teilweise gewaltsam) zugewiesen werden. Manuel Dengler: „Ich habe oft an Spieluhren gedacht, an Dinge, die sich im Kreis drehen. Eigentlich möchte eine Spieluhren-Figur vielleicht auch mal ausbüxen. Wie oft geht es uns persönlich im Leben so, dass wir auf der Stelle treten oder uns im Kreis drehen und dass wir ausbrechen möchten, und das habe ich versucht, in dem Stück darzustellen.“

„Belügen wir uns gegenseitig?“

Tatsächlich schnurrt eine Mechanik ab, als ob sich das Glockenspiel im Münchner Rathausturm in Bewegung setzt. Alle Figuren halten sich in der Choreographie von Manuel Dengler an abgezirkelte, vorgegebene Gesten: Der Kalte Krieg lässt scheinbar keine Individualität zu, auch nicht in der Welt des Schachspiels. Es geht schließlich darum, Überlegenheit zu erreichen und zu behaupten.

Ausstatter Manuel Kolip hatte dazu eine Showbühne entworfen, als ob jeden Moment ein paar Federboas zu erwarten wären: ein paar dekorative Treppenstufen, eine Gasse aus Dreiecken mit Leuchträndern, wie aus einer Fernsehshow der achtziger Jahre. Einerseits steril, andererseits Opulenz vorgaukelnd – ein Paradox, das volle Absicht ist.

Manuel Dengler: „Es geht um die Frage, was wir alltäglich machen. Belügen wir uns gegenseitig und auch teilweise selbst? Was ist das denn für eine Show? Wo lauert denn hinter Glanz und Glamour der Zerfall? Innerhalb des Musicals ‚Chess‘ bietet die Schach-Welt eigentlich einen Schutzraum und verschließt natürlich gleichzeitig auch den Blick vor der Außenwelt. Das haben wir sehr häufig: Show versus Realität.“

Für eine Runde reicht es immer noch

Ob es den Schachspielern gelingt, sich von der Fremdbestimmung zu lösen, ob sie von Objekten zu Subjekten werden können, das bleibt bis zum Schluss offen. Vielleicht übersteigt das ja sowieso die menschlichen Möglichkeiten, und das Streben nach Freiräumen als solches ist schon als Erfolg zu bewerten.

Obwohl „Chess“, das übrigens in Bayern bisher nur 2019 in Regensburg aufgeführt wurde, weder schmusige Balladen enthält, noch pathetische Hymnen oder überhaupt Musical-Atmosphäre aufkommen lässt, war der Jubel des Publikums in Eggenfelden groß. Ursprünglich hätte Andrew Lloyd Webber diesen Stoff vertonen sollen, der war damals allerdings mit „Cats“ beschäftigt. Skurril der Gedanke, mit wie viel Zuckerwatte er wohl das Schach-Duell versüßt hätte. Die ABBA-Komponisten orientierten sich hörbar mehr an der Rockoper „Tommy“, wo es ja auch um Selbstbestimmung geht.

Insgesamt ein Überraschungserfolg. Das lag vor allem an Bonko Karadjov in der Rolle des sowjetischen Schachmeisters Anatoly Sergievsky und an Yvonne Köstler als emotional hin- und hergerissenes Groupie Florence Vassy. Auch Marco Toth als eitler US-Star Frederick Trumper machte seine Sache gut und zelebrierte den schweißtreibenden Narzissmus, wie er in jeder Showbranche üblich ist, auch und gerade im Denksport. Fazit: So schnell geht die Welt nicht schachmatt, für eine Runde reicht es immer noch.

Wieder am 16. Februar, weitere Termine bis 28. Februar im Theater an der Rott in Eggenfelden.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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