Die Weltnaturschutzorganisation IUCN warnt: Die Korallen in den Weltmeeren sind extrem bedroht. Für 96 Prozent von ihnen bestehe ein hohes Risiko, dass sie bis 2075 absterben werden. Eine von vielen Meldungen über die Auswirkungen der Klimaerwärmung und des Artensterbens. Auch von den bayerischen Gletschern wird bald nichts mehr übrig sein.
Für den Umgang mit dem Tod naher Verwandter oder Freunde haben Menschen Rituale und Formen gefunden, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wie aber lässt es sich mit aussterbenden Arten umgehen – oder mit Gletschern, die in kurzer Zeit verschwunden sein werden?
Trauerrituale für Gletscher und Tiere
Durch die Erderwärmung schmelzen nicht nur Gletscher unwiederbringlich dahin. Auch zahlreiche Tierarten sind kurz davor auszusterben oder sie sind bereits ausgestorben. Menschen scheinen davon allerdings seltsam unberührt zu sein. Dabei brauche es auch für diese Verluste Trauerrituale, sagt Literaturwissenschaftler Simon Probst, der auf diesem Gebiet forscht und mit „Gletscher beerdigen“ ein Buch dazu geschrieben hat.
Einer der vielen Gründe dafür sind laut Probst viele junge Menschen, die von diesen Phänomen die letzten Jahre sehr berührt wurden. „Da ist zum einen die Angst um die eigene Zukunft in einer Welt, in der geliebte Landschaften und Tiere verschwinden. Da sind aber auch Gefühle wie Wut, dass diese Themen nicht hinreichend adressiert werden. Und natürlich auch Trauer um den Verlust.“
In dem Moment, wo es keine gesellschaftlich tradierten Formen gebe, um darüber zu sprechen, würden diese Gefühle nicht in Kommunikation treten, so Probst. Dabei sei aber genau das entscheidend, „damit Menschen mit diesen Gefühlen nicht alleine sind“. Und kollektiv darüber entscheiden können, was sie mit diesen Gefühlen machen wollen.
Ökumenischer Gottesdienst als eine Form der Trauer
In „Gletscher beerdigen“ beschreibt Simon Probst unterschiedliche Rituale, die sich auch als Experimente verstehen lassen. 2023 etwa wurde an einem Schneeferner in Bayern in Form eines ökumenischen Gottesdienstes ein vorweggenommenes Trauerritual abgehalten. Es war ein Trauern um das, was mit den Gletschern verloren geht, zugleich aber auch ein Appell daran, für die Zukunft Konsequenzen daraus zu ziehen.
Erst trauern, dann handeln
Auch der Riesenalk findet in Probsts Buch eine Erwähnung. Der Riesenalk war ein großer Vogel, der auf verschiedenen Inseln im Nordatlantik lebte und 1844 ausstarb. Der Bürgermeister der neufundländischen Insel Fogo entschuldigte sich 2017 öffentlichkeitswirksam bei den Riesenalks.
Auch das sei, laut Simon Probst, ein neuer Versuch mit dem Aussterben umzugehen. Die Entschuldigung war Teil eines künstlerischen Projekts, bei dem gemeinsam mit verschiedenen Bewohnern der Insel die Entschuldigung erarbeitet wurde. Und selbst wenn das Tier bereits ausgestorben ist: Diese Art der Entschuldigung liefert laut Probst die richtigen Impulse um durch eine Art des Trauerns wieder zurück ins Handeln zu finden.
„Gletscher beerdigen“ von Simon Probst ist im Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen.

