Ein Engel in der Basilika San Lorenzo in Lucina sorgte in Rom für Aufsehen. Besser gesagt sein Gesicht. Seit einer Restaurierung glich es dem der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Nun ist das Fresko übermalt worden und das Meloni-ähnliche Gesicht verschwunden. In Italien hatte der Fall für große Aufregung gesorgt. Die Opposition etwa prangerte an, Kunst und Kultur dürfe nicht zu einem Werkzeug für Propaganda werden. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass eine prominente Person in kirchlicher Kunst auftaucht.
Jakob Fugger als König beim Christuskind
In einer um 1490 aus Lindenholz geschnitzten Szene für eine Kirche in Brixen sieht man die Heiligen Drei Könige bei Maria an der Krippe. Der König, der am nächsten vor dem Jesuskind kniet, hat eindeutig die Gesichtszüge des Augsburger Bankiers Jakob Fugger, damals einer der reichsten Menschen der Welt.
Sogenannte Stifterbilder waren in der Renaissance bei wohlhabenden Personen beliebt. Sie bezahlten dafür, dass sie betend am Rand dazu gemalt wurden. Besonders einflussreiche Personen wie Fugger schlüpften auf den Darstellungen sogar selbst in biblische Rollen.
Auch die Medici in Florenz ließen sich gerne so prominent auf Gemälden mit biblischen Szenen darstellen. Das sei „eine Art und Weise, sich in die Geschichte einzuschreiben, selbst mit seinem Bild wiederum Geschichte zu schreiben und die Herrschaft zu verfestigen“, sagt Kunsthistoriker Yannis Hadjinicolaou von der LMU München.
Adolf Hitler in einem Kirchenfenster in Landshut?
Selbst Diktatoren schaffen es bisweilen auf kirchliche Abbildungen. Um 287 soll der Heilige Kastulus lebendig von Kaiser Diokletian unter heißem Sand begraben worden sein. 1946 widmete sich der Künstler Max Lacher der Geschichte und hielt sie in einem Kirchenfester für die Martinskirche in Landshut fest.
Auf besondere Art und Weise: „Er hat quasi die Geschichte in die unmittelbar vorher vergangene Nazi-Zeit transponiert“, sagt Franz-Joseph Baur, Stiftprobst der Martinskirche. Denn die Folterknechte – also die Verkörperung des Bösen in der Geschichte – haben die Gesichter von Adolf Hitler, Hermann Göring und Josef Goebbels. Damit wollte Max Lacher zeigen, „das ist eine Geschichte, die sich immer wieder wiederholt“, sagt Baur.
Der Künstler schmähte damit die NS-Täter öffentlich. Trotzdem pilgerte vor ein paar Jahren eine Gruppe ungarischer Neonazis nach Landshut, um das Fenster zu besuchen. Baur ließ sich etwas einfallen, um das zu verhindern: „Aus Reinigungsgründen“ schloss er die Kirche ab und die ungebetenen Gäste mussten weiterziehen.
Moderne Künstler setzen Tradition fort
Doch nicht nur Prominente dienen Künstlern als Vorbild: Der US-amerikanische Maler Kehinde Wiley etwa ersetzt die Ikonen durch Menschen, die er auf der Straße trifft. So malte er eine Schwarze Frau als Maria oder setzt Schwarze Männer in die Posen von Heiligen.
Laut Kunsthistoriker Yannis Hadjinicolaou bilden diese Darstellungen eine „Kontinuität“ zu den Stifterbildern. „Nur noch radikaler. Man kann das auch als einen Prozess der Demokratisierung fassen. Man muss sich nicht mehr unter die Obhut einer herrschenden Person à la Medici stellen, wenn normale Menschen als Vorbilder genommen werden.“ 2023 war eines seiner Werke in der Kunsthalle München ausgestellt.

