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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Muslime nach den Anschlägen: Rückzug in die Unsichtbarkeit
Kultur

Muslime nach den Anschlägen: Rückzug in die Unsichtbarkeit

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 25. September 2024 13:57
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Die tödliche Messerattacke von Mannheim, der Anschlag von Solingen mit drei Toten und der versuchte Terrorakt unlängst in München: Alles Taten vermeintlich im Namen des Islam. „Für Muslime in Deutschland ist es immer wieder ein Schlag ins Gesicht“, sagt Annika, angesprochen auf die jüngsten Terrorakte durch mutmaßliche Islamisten. Annika ist Muslimin und lebt in Oberbayern. „Es ist nicht nur ein Angriff auf die Menschen, die Opfer dieser Attacken werden, es ist ein Angriff auf die Religion selber. Das sind für mich keine Muslime.“

Inhaltsübersicht
Islamistische Anschläge: „Das sind keine Muslime“Islamistische Anschläge bestärken MuslimfeindlichkeitOffizielle Zahlen sind nur die Spitze des EisbergsErgebnis: Rückzug in die Unsichtbarkeit

Islamistische Anschläge: „Das sind keine Muslime“

Annika ist Mitte 30. Sie möchte aus Angst vor Anfeindungen anonym bleiben. Vor fast zehn Jahren entschied sie sich zum Islam zu konvertieren. Nach ein paar Jahren beschloss sie auch ein Kopftuch zu tragen: „Eigentlich war das Kopftuch für mich eine Erinnerung im Alltag an meine Religion, meine Werte.“

Doch Annika merkt, dass das Kopftuch komische Blicke und Ablehnung erzeugt. Sie hat das Gefühl, nicht mehr als Teil der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden, obwohl sie in Deutschland geboren und aufgewachsen ist.

Islamistische Anschläge bestärken Muslimfeindlichkeit

Annikas Gefühl belegen Studien: Der „Religionsmonitor“ der Bertelsmann-Stiftung fragt regelmäßig die Einstellung gegenüber Muslimen ab. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland haben große Vorbehalte gegenüber Muslimen.

„Antimuslimische Vorbehalte haben sich festgesetzt in der Gesellschaft“, sagt die Soziologin und Islamwissenschaftlerin Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann-Stiftung. Sie ist auch Mitglied im Unabhängigen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit der Bundesregierung. Islamistisch motivierte Anschlagsversuche vor allem aber Terrorakte wie der von Solingen verstärken Muslimfeindlichkeit ihrer Erfahrung nach zwar nicht quantitativ, aber: „Wenn so etwas passiert, dann fühlen sich viele in ihrer Muslimfeindlichkeit bestärkt und äußern das eher, reagieren mit Hass und Hetze in den Medien. Wir sehen also eher eine Eskalation“, beobachtet die Islamwissenschaftlerin.

Aus Gedanken können Worte und Taten werden. Auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks teilt das Bayerische Landeskriminalamt mit: Die Zahl der angezeigten, verfolgten und als dezidiert islamfeindlich identifizierten Straftaten sind im Freistaat leicht angestiegen. 2017 registrierten die Behörden 133, im vergangenen Jahr 171 Delikte. Deutlich weniger waren es in den Corona-Jahren. Für die vergangenen Wochen, also für den Zeitraum nach dem Anschlag von Solingen, liegen noch keine Zahlen vor.

Offizielle Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs

Nach Einschätzung von Soziologin Yasemin El-Menouar sind die absoluten Zahlen in den Kriminalstatistiken ohnehin nur die Spitze des Eisbergs, man müsse mindestens mit dem Zehnfachen rechnen: „Wir gehen davon aus, dass muslimfeindliche Straftaten erst mal gar nicht als solche erkannt werden, dass sie häufig in der Kategorie ‚fremdenfeindlich‘ landen. Und wir sehen, dass nur jeder zehnte Vorfall gemeldet wird.“

Laut dem Leipziger Religionssoziologen Gert Pickel sind Muslime die Bevölkerungsgruppe, die neben Sinti und Roma am meisten abgelehnt wird. Bei Muslimfeindlichkeit sei das Grundproblem, dass die breite Bevölkerung nach wie vor den Unterschied zwischen Islamismus und Islam nicht verstanden habe und alle Muslime in Sippenhaft nehme für islamistische Taten Einzelner. Das führe zu einer fragwürdigen öffentlichen Debatte: „Die Trennung zwischen muslimisch und islamistisch wird aufgehoben und es werden Rückschlüsse gezogen wie: Man müsste alle ausweisen. Insofern ist jede Tat für die muslimische Community ein großes Problem“, sagt Gert Pickel.

Ergebnis: Rückzug in die Unsichtbarkeit

Annika sagt, ihr mache das politische und gesellschaftliche Klima seit längerer Zeit große Sorgen. Schon Ende des vergangenen Jahres zog sie deshalb Konsequenzen: „Mein Unsicherheitsgefühl hat am Ende dazu geführt, dass ich mein Kopftuch nicht mehr trage.“ Es ist der Rückzug in die Unsichtbarkeit. Für Religionssoziologe Gert Pickel ist das ein bekanntes Phänomen. Ein anderes Phänomen: Einzelne Muslime radikalisieren sich – oder werden zumindest anfälliger für radikale Inhalte, gerade aufgrund von Ausgrenzung und Diskriminierung.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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