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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Radikal und mutig: „Trauriger Tiger“ von Neige Sinno
Kultur

Radikal und mutig: „Trauriger Tiger“ von Neige Sinno

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 21. September 2024 07:56
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Mit 21 Jahren zeigte Neige Sinno ihren Stiefvater wegen Vergewaltigung an. Jahrelang hatte er sie als Kind missbraucht und ihr Schweigen mit der Drohung erzwungen, den jüngeren Geschwistern Gleiches anzutun. In einem öffentlichen Prozess gestand er und wurde zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Angesichts der Tatsache, dass in Frankreich 70 Prozent der Strafanzeigen wegen Vergewaltigung eingestellt und allenfalls 10 Prozent der Anklagen vor einem Geschworenengericht oder dem Jugendgericht verhandelt werden, war die Verurteilung ein Erfolg.

Inhaltsübersicht
Autorin: Missbrauch hinterlässt nicht heilende WundeSinno analysiert die perverse Logik des VergewaltigersAutorin reflektiert und analysiertDas Versagen der Mutter, von Lehrern und Ärzten

Autorin: Missbrauch hinterlässt nicht heilende Wunde

Doch Erleichterung verschaffte der Schuldspruch Neige Sinno nicht. In „Trauriger Tiger“ macht sie deutlich, welch unsühnbares Verbrechen Kindesmissbrauch ist und dass für das Opfer eine nicht heilende Wunde bleibt. Allenfalls könne man lernen, rechtzeitig vor dem Abgrund, den die Erinnerungen aufreißen, stehenzubleiben, so die Autorin. Das vieldiskutierte Buch ist jetzt in der deutschen Übersetzung von Michaela Meßner erschienen.

Sinno analysiert die perverse Logik des Vergewaltigers

„Trauriger Tiger“ ist eine Mischform zwischen Essay und erzählendem Bericht. Radikal offen, sachlich und knapp schildert Neige Sinno, die heute mit ihrer Familie in Mexiko lebt, was ihr angetan wurde. Und sie benennt Grenzen des Verstehens. Dass ein erwachsener Mann ein Kind sexuell missbrauchen kann und dass der Stiefvater fähig war, nach den sexuellen Aggressionen mit seiner Frau und vier Kindern am Esstisch zu sitzen und so zu tun, als wäre nichts geschehen, ist ihr bis heute unbegreiflich.

Wessen Kindheit derart zerstört wurde, für den ist nichts mehr selbstverständlich. Die heute 46 Jahre alte Autorin zweifelte sogar an dem eigenen Projekt, das Geschehene in Buchform zu bezeugen. Sie listet die Gründe auf, die gegen das Vorhaben sprachen; etwa, dass sie nicht an das Schreiben als Therapie glaubt und dass sie nicht wusste, wie sie etwas Neues und ästhetisch Wertvolles schaffen könnte.

Autorin reflektiert und analysiert

Sinno fügt Fotografien von Briefen an den Staatsanwalt und Zeitungsberichte über den Prozess in ihr Buch ein. Sie verbindet anschauliche Schilderungen des einstigen Lebensumfeldes – ein Bergdorf in den Hautes Alpes – mit Reflexionen zwischen Literatur und Psychologie. Über die rettende Gabe zum Beispiel, sich während der Vergewaltigungen auf banale Details zu konzentrieren und so dem „vom Körper abgespaltenen Teil“ zu ermöglichen, „sich frei im Raum [zu] bewegen“. Sie analysiert die perverse Logik des Vergewaltigers, der behauptete, er habe sich des Körpers seiner Stieftochter nur bemächtigt, um Nähe herzustellen. Er sah sich als liebenden Stiefvater, den das Mädchen ungerechterweise ablehnte. Sinno hält fest, dass es dem sexuellen Aggressor nicht um Befriedigung geht, sondern darum, die Persönlichkeit seines Opfers zu brechen und Macht auszuüben.

Das Versagen der Mutter, von Lehrern und Ärzten

Neige Sinno ist promovierte Literaturwissenschaftlerin. Beiläufig flicht sie in ihren Text konzise Betrachtungen belletristischer Werke ein, die die Ungeheuerlichkeit des Kindesmissbrauchs thematisieren. Nabokovs Roman „Lolita“ etwa, der seine Leser und Leserinnen zwinge, „in den Kopf von jemandem einzudringen, der absichtlich Böses tut“, den die Gesellschaft aber lange als Liebesroman rezipiert habe. „Rettung“ – das sei nicht die Aufgabe von Literatur.

Doch Neige Sinno hat ihre Ausdruckskraft genutzt, um die Einsamkeit derer zu lindern, die Ähnliches erlitten haben wie sie. Entschieden benennt sie in „Trauriger Tiger“ das Versagen ihrer Mutter, von Lehrern, Sozialarbeitern und Ärzten, die seinerzeit augenfällige Zeichen und Symptome wie etwa Sinnos massive Essstörung und Skoliose übersahen und niemals Fragen stellten. Doch sie fällt kein Urteil. Neige Sinno geht ihren Weg. Dass sie ihre Leserschaft daran teilhaben lässt, ist ein Geschenk.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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