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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Rodion Schtschedrin gestorben: Komponist der russischen Moderne
Kultur

Rodion Schtschedrin gestorben: Komponist der russischen Moderne

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 29. August 2025 10:50
Von Uta Schröder
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8 min. Lesezeit
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Rodion Schtschedrin gestorben

Komponist der russischen Moderne


29.08.2025 von Susanne Schmerda

Er zählte zu den bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten, sein Ballett „Carmen-Suite“ ist ein Welterfolg. Eine bewegte Biographie mit russischen Wurzeln und einem Balanceakt zwischen offizieller Kulturdoktrin und persönlichem Kunst-Bekenntnis prägte Rodion Schtschedrins Leben. Dmitrij Schostakowitsch hat ihn gefördert, im Westen avancierte der Wahl-Münchner Ende der 1980er-Jahre zur Kultfigur. Nun ist Schtschedrin im Alter von 92 Jahren gestorben.

Inhaltsübersicht
Rodion Schtschedrin gestorben Komponist der russischen ModerneDmitrij Schostakowitsch: Schtschedrins Mentor und BeschützerSchtschedrins Carmen-Suite: Skandalumwitterte UraufführungMittlerweile meistgeliebt und meistgespielt: der Welterfolg „Carmen-Suite“Musikalische LebensbeichteVom russischen Geheimtipp zur Kultfigur im WestenExperiment versus Tradition


Rodion Schtschedrin | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Am 16. Dezember 1932 wird Rodion Konstantinowitsch Schtschedrin geboren und als Pianist und Komponist am Moskauer Konservatorium ausgebildet. Er schreibt künftig mit großem Elan für alle musikalischen Gattungen: Literatur-Opern nach Nikolai Gogol und Vladimir Nabokov, Ballette nach Leo Tolstoi und Anton Tschechow, Vokal-, Instrumental- und Klaviermusik, die er oft selbst interpretiert und aufnimmt. Er kommt aus einer Moskauer Priesterfamilie und ist tief verwurzelt in der russischen geistlichen Musik.

Fünf Jahre lang besucht er die Staatliche Chorschule in Moskau, was Spuren hinterlässt. „Ich stamme aus dem Chor“, erklärt er seine Liebe zur Chor- und Vokalmusik. Mit seinem Chorwerk „Der versiegelte Engel“ um eine Gemeinschaft von Altgläubigen und eine wundertätige Ikone wird er 1988 der erste sowjetische Komponist überhaupt, der eine moderne russische Liturgie schreibt. Das Stück für gemischten Chor und Flöte nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Leskow steht ganz in der russischen Chortradition, ist beeinflusst von Tschaikowsky und Rachmaninow, verwendet die Melodik des altrussischen Neumengesangs, volkstümliche Füllstimmen und die Imitation von Kirchenglocken.

Tradition muss nicht immer sein.

Rodion Schtschedrin

Dmitrij Schostakowitsch: Schtschedrins Mentor und Beschützer

Rodion Schtschedrin war traditionsverbunden, die russische Folklore und Volksmusik, Dichtung und Literatur prägen sein Werk. „Tradition muss immer sein“, meinte er einmal, sie war für ihn die „normale Entwicklung“. Durch seinen Kompositionslehrer Jurij Schaporin reicht für ihn eine Verbindungslinie zurück bis Michail Glinka und Alexander Glasunow. Von ihnen allen empfing er wichtige Impulse. Vor allem aber von Dmitrij Schostakowitsch, seinem großen Mentor und Freund. Wie dieser komponierte auch Schtschedrin einen Klavierzyklus mit 24 Präludien und Fugen. Und vertonte ebenfalls Nikolai Leskow, der schon die Vorlage zu Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ lieferte. Mit Schostakowitsch verband ihn eine Seelenverwandtschaft: „Wir haben das gleiche Herz, den gleichen Körper, die gleichen Augen, die gleichen Ohren“, schwärmte einst Schtschedrin.

Schtschedrins Carmen-Suite: Skandalumwitterte Uraufführung

Schostakowitsch war es auch, der sich immer wieder für ihn einsetzte, etwa 1967 nach der skandalumwitterten Uraufführung des Balletts „Carmen-Suite“ am 20. April 1967 am Moskauer Bolschoi-Theater. Schtschedrins Carmen nach Bizets berühmter Oper war dem damaligen Sowjet-Publikum zu anzüglich, zu impulsiv, zumal in der erotisch aufgeladenen Interpretation durch Primaballerina Maja Plissezkaja, die nur leicht bekleidet und mit nackten Beinen tanzte. „Schon die zweite Aufführung wurde verboten, wobei man als Gründe die Beleidigung des Meisterwerks von Bizet und die sexuelle Behandlung der Carmen-Figur nannte“, erinnerte sich Schtschedrin, „und erst durch die Intervention Dmitrij Schostakowitschs, der sich im Kulturministerium für mich einsetzte, gelangte das Ballett nach und nach in die Repertoires der Theater.“

Stage@Seven: Shchedrin: Carmen Suite – Andrés Orozco-Estrada

Mittlerweile meistgeliebt und meistgespielt: der Welterfolg „Carmen-Suite“


Rodion Schtschedrin und seine Frau Maja Plissezkaja | Bildquelle: picture-alliance/dpa
Rodion Schtschedrin zusammen mit Primaballerina und seiner Ehefrau Maja Plissezkaja | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Die rund 40-minütige „Carmen-Suite“ ist Schtschedrins bekanntestes Werk, komponiert für die Bolschoi-Primaballerina Maja Plissezkaja, seine Ehefrau. Laut Statistik wird sie jeden Tag irgendwo auf der Welt live gespielt oder im Radio gesendet. Mit diesem Geniestreich, rhythmisch geschärft und voll unerwarteter Wendungen, gelang der internationale Durchbruch. Schtschedrin kleidet das Liebesdrama der Carmen in elektrisierende Klänge mit einer ungewöhnlichen Besetzung für großes Streichorchester und nicht weniger als 47 Schlaginstrumente, darunter Marimbas, Vibraphon, Bongos, Maracas, Kastagnetten, Crotales und Kuhglocken. Alle Register seiner Verwandlungskünste zieht der Komponist hier, verdreht bekannte Melodien und taucht sie in anderes Licht. Die weltbekannte Habanera etwa beginnt bei ihm als freches Duett von Vibraphon und Pauken, die Torero-Szene läuft nach einer pompösen Steigerung mit tiefem Schlagzeug grotesk ins Leere.

Musikalische Lebensbeichte

Als „Lebensbeichte“ entstand 1984 das Orchesterstück „Selbstporträt“, uraufgeführt 1984 im Moskauer Konservatorium. Es ist ein zutiefst persönliches Werk – „in diesem Werk hat er sein Herz geöffnet“, resümierte es Komponistenkollege Boris Tischtschenko. Schtschedrin widmete diese Orchestervariationen sich selbst und lässt neben seinem Monogramm SHCHED immer wieder die traurigen Klänge einer einsamen Balalaika anklingen und die weite Landschaft seiner Heimat.

Auf ausdrücklichen Wunsch des Dirigenten Mariss Jansons wurde es auch zum 80. Geburtstag von Rodion Schtschedrin 2012 mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in München gespielt. „Ich beichte hier mein Leben, meine intimsten emotionalen Gefühle lege ich offen wie ein japanischer Samurai, der den Harakiri, den Selbstmord begeht“, so der Komponist. „Außerdem zeige ich darin meine Sicht auf die Welt, die mich umgibt und mich beherrscht. In diesem Fall meine ich das sowjetische System, das uns alle versklavt hat.“

Vom russischen Geheimtipp zur Kultfigur im Westen

Nach Perestroijka und der Wende Ende der 1980er-Jahre wird aus dem Geheimtipp die Kultfigur Rodion Schtschedrin, etwa beim Münchner Klaviersommer, wo er 1983 erstmals gastiert und überrascht. Weltoffen pendelte er zwischen Moskau und der bayerischen Landeshauptstadt und servierte seinem Publikum im Jahr 1992 den bittersüßen „Stalin-Cocktail“ für Violine und Orchester ebenso wie seinen Opern-Zweiakter „Lolita“. Über viele Jahre arbeitete er eng zusammen mit dem Münchner Rundfunkorchester, mit Mariss Jansons und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Seit den 1990ern lebte er fest in München.

Ich habe einfach Musik geschrieben. Ehrliche Musik, die ich in meinem Inneren gehört habe.

Rodion Schtschedrin

Experiment versus Tradition

Die Originalität und Gegensätzlichkeit von Schtschedrins Komponieren hat einmal der Dirigent und Pianist Michail Pletnjew treffend zusammengefasst: „Die Verbindung von glänzendem Scharfsinn mit dem tiefen Verständnis des Dramas, des raffinierten Gedankens mit dem wuchtigen musikalischen Aufbau, des kühnen und manchmal frechen Experiments mit der langen russischen Tradition multipliziert mit der qualitativ höchsten Kompositionstechnik – all das hat mich schon immer am kompositorischen Schaffen Rodion Schtschedrins fasziniert.“

Schtschedrin selbst beschrieb sein Schaffen mit den Worten: „Ich habe einfach Musik geschrieben. Ehrliche Musik. Ich bin von ihr überzeugt. Musik, die ich in meinem Inneren gehört habe. Den einen verärgert oder kränkt sie, den anderen berührt sie. Ich bin glücklich, dass ich mein Leben in der Musik gelebt habe.“

Autorin des Artikels ist Susanne Schmerda

Sendung: „Leporello“ am 29. August 2025 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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