Ein junger Kellner aus dem Bayerischen Wald bricht 1909 auf. Er will die Welt einmal zu Fuß umrunden. Mittellos, nur mit einem Fotoapparat und einem Rucksack ausgestattet, folgt er der Aussicht auf ein Preisgeld von 60.000 Mark. Drei Jahre ist er unterwegs, sein Weg führt ihn durch Europa, den Nahen Osten und weite Teile Asiens, bevor er über Amerika in die Heimat zurückkehrt.
Vom „Weltwanderer“ Josef Holzapfel: Eine Reise für 60.000 Reichsmark
Karin Holzapfel, Urgroßnichte des damals deutschlandweit bekannten „Weltwanderers“, hat seine Reise jetzt anhand gut erhaltener Fotos und Dokumente für ein Buch rekonstruiert. „Vom Woid in d’Welt“ heißt das Buch.
Darin erklärt Holzapfel auch den Grund der Reise ihres Urgroßonkels: ein Preisausschreiben. Ein Frankfurter Sportverein verspricht: Wer innerhalb von drei Jahren zu Fuß um die Welt marschiert, bekommt dafür 60.000 Reichsmark Preisgeld, das wären heute rund 400.000 Euro. Josef Holzapfel, Kellner aus dem Bayerischen Wald, nimmt diese schier aberwitzige Herausforderung im Oktober 1909 an. „Er war der einzige, der dann im Endeffekt auch angetreten ist“, erzählt Holzapfel. Die Sprachlehrerin hat die Geschichte ihres Urgroßonkels recherchiert.
Über London ins Gefängnis – wieder zurück und weiter nach Osten
Im Stadtarchiv Deggendorf zeigt ihr Stadtarchivar Florian Schneider den Nachlass: einen Karton voll alter Alben mit Artikeln, Fotos, Belegen: „So ein richtiger Weltenbummler, der seinen Lebenskreis hier begonnen und beschlossen hat.“
Ausgerüstet mit Rucksack und schwerem Fotoapparat macht sich Holzapfel auf den Weg, erst Richtung England. Doch dort wird er nach einer Schlägerei verhaftet: „Dann war er zwei Wochen im Gefängnis und dann hat er sich gedacht: Ja, das hat nicht funktioniert. Und dann ist er den ganzen Weg wieder zurückgegangen und in die andere Richtung los. Also nach Osten.“
Während der gesamten Reise führt Josef Holzapfel Tagebuch, schildert seine oft drastischen Erlebnisse. Immer wieder wird er überfallen, ausgeraubt, muss sich in Maisfeldern und Wäldern verstecken. Einige Male wird er wegen seines Fotoapparates als ausländischer Spion verdächtigt und muss fliehen.
Wie Holzapfel zu einer kleinen Berühmtheit wurde
Karin Holzapfel hat die Tagebuchaufzeichnungen neu herausgegeben und kommentiert. „Ich glaube, dass das ein ganz lustiger Typ war und dass er einfach nicht so viel nachgedacht hat.“ Bei manchen Schilderungen beschleichen einen leise Zweifel, ob alles immer wirklich so war. Etwa wenn er in Georgien über Telegrafenmäste kletternd einem Hochwasser entkommt. Doch es gibt Belege. Um das Preisgeld zu bekommen, musste er seine Reise mit Fotos dokumentieren. Deshalb baute er sich für die Kamera einen Selbstauslöser.
Die Fotos wurden damals in deutschen Zeitschriften publiziert und machten den „Weltwanderer“ zu einer kleinen Berühmtheit. „Da sieht man ihn Rikscha fahren und in einem Native American-Zelt drin sitzen und in einer siamesischen Uniform.“ In sämtlichen Ländern ließ er sich Bestätigungen ausstellen. In Rathäusern, Regierungssitzen, Konsulaten. Stadtarchivar Schneider: „Anhand der Stempel kann man nachvollziehen, wann war er wo. Dann sieht man zum Beispiel, dass er das Ende der Quing-Dynastie in China mitbekommen hat. Oder irgendwelche soziale Unruhen im damaligen Persien. Im vorrevolutionären Zarenreich war er auch.“
Spenden, Vorträge und Friedenseinigkeit: Vom Preisgeld blieb nichts
In den Aufzeichnungen aus den USA finden sich viele Reisebestätigungen von Brauereien. Offenbar waren die oft deutschsprachigen Brauer zu dem Niederbayern besonders gastfreundlich. Seine Urgroßnichte erzählt: „Teilweise war er in zwei Brauereien an einem Tag. Da ist danach drei Tage kein Eintrag drin in seinem Bücherl.“
Im Herbst 1912 besteigt Josef Holzapfel einen Dampfer Richtung Europa. Die Zeit drängt, denn die 3- Jahres-Frist neigt sich dem Ende zu. Er schafft es: „Er hat das Geld kriegt. Es ist nix davon übriggeblieben. Er hat gesagt, dass er einen Teil an die Armen von Regen gespendet hat, und er ist noch ein bissl rumgefahren und hat Vorträge gehalten über seine Reise und über die Friedenseinigkeit“, so Holzapfel.
Die Friedenseinigkeit war eine Initiative, die sich der Völkerverständigung verschrieb. Holzapfel gründete sie 1924. In der Nazizeit wurde der überzeugte Pazifist mehrmals inhaftiert. Nach dem Krieg betrieb Holzapfel einen Kiosk in Deggendorf. Er starb 1950.
Karin Holzapfel: Vom Woid in d’Welt – Die unglaubliche Reise von Josef Holzapfel aus dem Bayerischen Wald (externer Link) ist im SüdOst-Verlag erschienen.

