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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Wie gehen Museen mit NS-belasteter Kunst um?
Kultur

Wie gehen Museen mit NS-belasteter Kunst um?

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 17. September 2024 15:54
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Was tun mit einem Werk, das künstlerisch wertvoll, dessen Schöpferin aber hochproblematisch ist? Wie zum Beispiel im Falle von Emilie von Hallavanya und deren 1905 entstandenen Selbstbildnises? Das in warmen Farben gehaltene impressionistische Bild, auf dem die österreichische Malerin sich selbstbewusst in ihrem Atelier zeigt, sei ein „fantastisches Bild“, schwärmt Kuratorin Karin Althaus vom Münchner Lenbachhaus. Das Problem ist nur, dass sich diese großartige Künstlerin später im Leben zu einer glühenden Anhängerin der Nazis entwickelte.

Inhaltsübersicht
Kunsteinkäufe in der NS-ZeitScheintote im Dornröschenschlaf

Das Lenbachhaus hat sich dazu entschieden, das Gemälde dennoch auszustellen – unter anderem, weil es lange vor Hallavanyas Eintritt in die NSDAP entstanden ist. Die Werke, die die Künstlerin nach 1933 gemalt hat, werden dagegen nicht gezeigt, wie Althaus erläutert, denn ab da habe die Malerin ihre Kunst komplett auf die NS-Ideologie ausgerichtet, vor allem auf das Frauenbild als Mutter und Gebärerin. So schuf sie etwa ein Mutterbildnis mit drei Kindern, das Althaus heute „nur noch mit Bauchschmerzen“ anschauen kann. Da hätten wir sie dann also: die klassische Leiche im Keller. Das Kunstwerk, das man heute nicht mehr zeigen möchte.

Kunsteinkäufe in der NS-Zeit

Die Bilder Emilie von Hallavanyas gehören zu den rund 7.000 Objekten, die das Lenbachhaus in der NS-Zeit erworben hat. Das Spektrum dabei reichte von absolut unverfänglichen bis zu eindeutig propagandistischen Werken. Letztere wurden oft auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ gekauft, die dazu dienten, auf das NS-Weltbild einzuschwören – indem sie zum Beispiel Werke zeigte, die das Menschenbild einer vermeintlichen arischen Herrenrasse feierten; oder aber einfach nur, indem sie das bäuerliche Leben verklärten.

Das Lenbachhaus hat dort zum Beispiel Bilder des Malers Peter Kálmán erworben, der in seinem Schaffen die von den Nazis glorifizierte Kunst des 19. Jahrhunderts wieder auferstehen ließ. Seine Bilder würden wir heute „eher langweilig“ finden, konstatiert Karin Althaus. Man könne sie aber nutzen, „um in einer Präsentation zu zeigen, wie ein Kunstverständnis in einen Konservatismus kippen kann, der in seiner Rückwärtsgewandtheit sogar gefährlich ist.“ Um in Ausstellungen bestimmten Entwicklungen in der (Kunst-)Geschichte nachzuspüren, werden Kálmáns Bilder also durchaus gelegentlich aus dem Depot geholt.

Scheintote im Dornröschenschlaf

„In diesem Sinn gibt es dann auch keine Leichen, die wir nie zeigen würden“, sagt Kuratorin Althaus, und ihre Kollegin Lisa Kern ergänzt, für sie seien die eigentlichen Leichen im Keller eher „in der Institutionsgeschichte“ zu finden. Denn: Viele Museumsmacher, die vor 1945 tonangebend waren, konnten auch danach unbehelligt weiterarbeiten. Aufarbeitung? Fehlanzeige! Die Geschichte wurde weggesperrt in einer der dunkelsten Gedächtniskammern – weit sorgfältiger noch als jedes noch so problematische Kunstwerk. So konnte die NS-Ideologie weiterwirken, wenn auch oft nicht in ihren offensichtlichsten Ausprägungen, so aber doch im Festhalten an einem überkommenen Weltbild, das zum Beispiel Künstlerinnen bestenfalls einen Randplatz in der Kunstgeschichtsschreibung zubilligte. Mit Nachwirkungen bis in die jüngere Vergangenheit.

Emilie von Hallavanyas Selbstbildnis zum Beispiel lagerte über Jahrzehnte nahezu vergessen im Depot des Lenbachhauses, ehe es dort erst vor etwa zehn wieder entdeckt wurde. Kein Zufall, dass die Entdeckung so lange auf sich warten ließ, glaubt Kuratorin Althaus: „Ich habe die These, dass viele unserer Bilder, die nie gezeigt wurden, Bilder von Frauen waren, die unsere Vorgänger nicht interessiert haben.“

Von Hallavanyas Selbstporträt nun auszustellen, bedeutet für Karin Althaus daher auch, „historische Gerechtigkeit im Umgang mit der eigenen Sammlung“ walten zu lassen. So gesehen war dieses Selbstbildnis keine Leiche im Keller, sondern eher eine Art Scheintote, die nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf endlich wachgeküsst wurde.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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