Netflix hat sich in den vergangenen Monaten auf Mord und Totschlag eingeschossen. Der Streaming-Dienstleister hat nämlich die Lust am Krimi entdeckt. Nur heißen die Serien nicht mehr „Krimi“ sondern „Murder Mystery“ oder „Whodunnit“ (deutsch: wer hat gemordet). Diese Woche dominieren zum Beispiel „His & Hers“ und „Agatha Christies Seven Dials“ die Charts – beides Murder-Mysterys.
Der Krimi als Gradmesser der Gesellschaft
Zu Weihnachten setzt Netflix traditionell auf die Reihe „Knives Out“ mit Daniel Craig als Meisterdetektiv Benoit Blanc – und mit dem Kurz-Krimi „Adolescence“ räumt man in Hollywood Serienpreise ab.
Das Netflix-Erfolgsrezept ist dabei vor allem die Vermischung von Krimi und Gesellschaftskritik. Bei den aktuellen Produktionen steht der politische Subtext besonders im Vordergrund. Beispiel eins: der Chart-Stürmer „Agatha Christies Seven Dials“. Diese auf einem Buch basierende Krimi-Geschichte aus den 1920er Jahren spielt kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Rund um eine Adelsfamilie ereignen sich rätselhafte Morde. Mit dabei: Stars wie Martin Freeman und Helena Bonham Carter.
„Agatha Christies Seven Dials“ setzt auf Geopolitik
Die Adelstochter Lady Eileen, genannt Bundle, gespielt von Mia McKenna Bruce, muss in diesem Dreiteiler auch einen geopolitischen Konflikt lösen. Es geht um eine Technologie, die die militärische Produktion auf das nächste Level heben würde. Großmächte wie England, Frankreich und Deutschland wollen diese Technologie unbedingt.
Die Botschaft von „Agatha Christies Seven Dials“ ist – ohne hier zu viel zu spoilern – dabei vor allem aus geopolitischer Sicht topaktuell: Internationale Politik braucht internationale Regeln, zum Beispiel Organisationen, die Völkerrecht und Menschenrechte durchsetzen. Sonst gilt nur das Recht des Stärkeren. Damit könnte „Seven Dials“, obwohl die Serie in den 1920ern spielt, aktueller nicht sein.
„His & Hers“ zeigt die Schattenseiten der USA
Auch der zweite Netflix Chart-Erfolg, die Murder-Mystery-Serie „His & Hers“, besticht vor allem mit Gesellschaftskritik. Diese Serie konzentriert sich in sechs Folgen auf die Schattenseiten einer amerikanischen Kleinstadt. Unehrlichkeit, Gewalt gegen Frauen, Rassismus – all das führt zu einer Reihe an Morden.
Ab und zu stehen Krimis auch in der Kritik „Copaganda“ zu sein, also die Polizei zu verklären. Den Fehler macht „His & Hers“ nicht. Auch der Sheriff, gespielt von John Bernthal, hat ordentlich Dreck am Stecken.
„Knives Out“ als Vorreiter der kritischen Murder Mystery
Der Vorreiter der gesellschaftspolitischen „Murder Mystery“ dürfte die Reihe „Knives Out“ sein. Hier kritisiert man zum Beispiel die Erbengesellschaft in Teil eins, größenwahnsinnige Tech-Milliardäre in Teil zwei – und zuletzt im dritten Teil dreht sich alles um die Ambivalenz des Glaubens und der Kirche.
Trotz aller Euphorie: Dass Netflix einem die Mordfälle und Mysterien derzeit mit der Pistole auf die Brust setzt, hat auch Schattenseiten. Der Krimi passt in Sachen Gesellschaftskritik in diese düsteren Zeiten, aber Netflix schließt sie ja doch nie ganz, die Tür zum Eskapismus. Wer sich auf das Politische nicht einlassen will, kann sich schließlich immer noch darauf beschränken, am „Murder Mysterium“ in der ewigen Streaming-Primetime herumzurätseln.

