Autos werden gerne als rollende Smartphones bezeichnet, unter anderem aufgrund der großen Displays. Und dieser Vergleich ist offenbar doppelt passend, nicht nur wegen der smarten, vernetzten Technik in modernen Fahrzeugen: Viele Autofahrer lassen sich nicht nur von ihren Smartphones ablenken, sondern auch zunehmend von den Touchscreens der Autos selbst. Wie gefährlich das werden kann, belegen neue Studien der Allianz Unfallforscher.
Studie: Jeder dritte Unfall hat mit Ablenkung zu tun
Ablenkung lässt sich nach einem Unfall meist schlechter nachweisen, als Drogen- oder Alkoholeinfluss. Denn es ist kaum belegbar, dass der Autofahrer kurz den Blick von der Straße gewendet hat, um sich seinem Smartphone oder dem Touchscreen zu widmen. Schätzungen gingen laut der Allianz-Unfallforschung bisher davon aus, dass rund zehn Prozent der Unfälle mit Ablenkung zu tun haben. Doch die Unfallforscher wollten es genauer wissen und haben zusammen mit dem Münchner Startup CogniBIT verschiedene Verkehrssituationen simuliert.
Wichtigste Erkenntnis: In kritischen Situationen ist die Reaktionszeit deutlich länger als angenommen. Dabei wurde auch untersucht, ob Fahrer nun durch eine Nebentätigkeit abgelenkt waren oder unter einem simulierten Alkoholeinfluss von 0,8 Promille standen. Bei einer Gefahrenbremsung des vorausfahrenden Fahrzeugs auf der Autobahn sei der Anteil der Kollisionen durch Ablenkung von 18,2 Prozent auf 54,3 Prozent gestiegen. Bei einem plötzlich auf die Straße laufenden Kind habe er sich von 3,9 Prozent auf 11,2 Prozent erhöht.
In allen Situationen haben Fahrer mit 0,8 Promille besser abgeschnitten, dabei ist deren Reaktionsfähigkeit schon deutlich gemindert, heißt es bei der Allianz. Das Fazit der Unfallforscher: Ablenkung im Straßenverkehr sei deutlich weiter verbreitet, als es offizielle Unfallstatistiken vermuten ließen. Auf Grundlage eigener Studien sowie der internationalen Forschung gehe man nun davon aus, dass Ablenkung bei mindestens 30 Prozent aller Verkehrsunfälle eine Rolle spiele, so der Leiter des Allianz Zentrums für Technik in Unterföhring, Christian Sahr.
Umfrage bestätigt: Mehrheit fühlt sich durch Bildschirme abgelenkt
Ablenkung am Steuer ist auch Thema des diesjährigen Autotages der Allianz-Unfallforschung in Unterföhring bei München. Anlässlich des Fachtreffens von Experten wurde eine Umfrage durchgeführt. Demnach gaben 77 Prozent der 1.200 befragten Autofahrerinnen und Autofahrer an, dass sie sich durch „moderne Fahrzeugtechnologien“ stärker abgelenkt fühlten als noch vor einigen Jahren. Rund die Hälfte der Befragten kritisierten die ihrer Meinung nach komplexen Menüstrukturen und dass sie lange durch Menüs scrollen müssten. 40 Prozent störten sich an kleinen oder schwer zu treffenden Touchflächen.
Autofahrer wollen Tasten statt Touchscreens
Sieben von zehn Autofahrern würden sich wünschen, dass bestimmte Funktionen wieder über Tasten oder klassische Schalter gesteuert werden könnten, hat die Umfrage zudem ergeben. Auch beim ADAC kennt man das Problem. Der Automobilclub verweist auf die paradoxe Situation, dass das Bedienen von Smartphones am Steuer verboten ist, während das Bedienen der Tablets in den Autos erlaubt ist. Der ADAC hat den Gesetzgeber deshalb aufgefordert, die entsprechenden Vorschriften zu verschärfen. Sicherheitsrelevante Funktionen, wie Licht, Scheibenwischer, Warnblinker und Spiegel, müssten über haptische Bedienelemente verfügen, die blind bedienbar seien.
Beim Automobilverband VDA weist man auf Anfrage von BR24 darauf hin, dass der zunehmende Einsatz von Touchscreens Ausdruck der fortschreitenden Digitalisierung im Fahrzeug sei. Diese ermögliche es, zahlreiche Funktionen flexibel zu bündeln. Daneben fügt die Pressesprecherin aber auch hinzu, dass immer mehr Fahrzeugfunktionen zuverlässig per Sprachsteuerung bedient werden könnten, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.

