Wenn ein Kind zu früh auf die Welt kommt, sind die Eltern zuallererst unglaublich überfordert. „Sie haben riesige Angst, das ist etwas, was sie nie erwartet haben“, beschreibt Entwicklungspsychologe Dieter Wolke im BR24-Gespräch. Statt zu Hause verbringen Eltern und Kind die Zeit nach der Geburt häufig auf einer Neonatalstation – mit medizinischen Geräten, Unsicherheit und der Frage: Wird die Frühgeburt das Leben meines Kindes beeinflussen?
Dank großer Fortschritte in der Neonatalmedizin haben Frühgeborene heute deutlich bessere Überlebenschancen als noch vor einigen Jahrzehnten. Doch welche Spuren ein zu früher Start ins Leben langfristig hinterlassen kann, zeigt jetzt eine Langzeitstudie der Universität Warwick (externer Link). Die gute Nachricht: Für die meisten ehemaligen Frühgeborenen entwickelt sich das Leben positiv. Eine Frühgeburt bedeutet nicht automatisch schlechtere Chancen.
Viele Frühchen finden ihren Weg
Die Forschenden begleiteten 416 ehemalige Frühgeborene von ihrer Geburt bis zum Alter von 34 Jahren. Sie untersuchten nicht nur medizinische Faktoren, sondern auch das Erwachsenenleben – etwa soziale Beziehungen, Partnerschaften, wirtschaftliche Situation und Lebenszufriedenheit. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der ehemaligen Frühgeborenen führt im Erwachsenenalter ein stabiles und zufriedenes Leben.
Rund jedes fünfte Frühchen (18 Prozent) hat dagegen im Erwachsenenalter in all diesen Lebensbereichen häufiger Schwierigkeiten als Menschen, die „termingerecht“ geboren wurden. Die Studie zeigt: Eine Frühgeburt kann ein Risiko sein, aber sie bestimmt nicht automatisch den weiteren Lebensweg.
Was die Entwicklung beeinflusst
Warum entwickeln sich manche Frühgeborene gut, während andere später mehr Unterstützung benötigen? Für Studienmitautor Dieter Wolke von der Universität Warwick liegt die Antwort nicht allein in der frühen Geburt. Eine Rolle spielen die Entwicklung des Kindes, sein Temperament, Erfahrungen in der Familie und die Unterstützung in der Schule.
Wolke sagt: „Zwei dieser Einflüsse sind sicherlich die Familie und Elternverhalten.“ Ebenso wichtig seien die Schule – mitsamt den Übergängen von einer Schulform in die nächste – und die akademische Unterstützung. Die Forschenden fanden außerdem einen Zusammenhang zwischen späteren Schwierigkeiten und niedrigeren IQ-Werten im Alter von acht Jahren. Ein einzelner IQ-Wert entscheidet jedoch nicht über die Zukunft. Außerdem kann sich der IQ im Laufe des Lebens verändern (externer Link). Entscheidend sind das Zusammenspiel verschiedener Einflüsse und die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln.
Warum Eltern früh gestärkt werden sollten
Gerade die ersten Wochen nach einer Frühgeburt sind für das Kind, aber auch für die Eltern belastend. Das Kind liegt möglicherweise auf der Intensivstation, wird medizinisch überwacht und kann zunächst nicht so versorgt werden, wie die Familie es erwartet hat. Deshalb sollte Unterstützung früh beginnen. Eltern sollten bereits auf der Neonatologie einbezogen und im Umgang mit ihrem Kind gestärkt werden.
Christian Gille, Ärztlicher Leiter der Neonatalstation in Heidelberg, plädiert dafür, auch bei Frühchen das Kind öfter an die Brust zu legen und selbst zu ernähren, damit sich schon früh die Bindung besser aufbauen kann und das Kind unterstützt wird. So könne auch die spätere kognitive Entwicklung früh gefördert werden. Insgesamt kann eine stabile Eltern-Kind-Beziehung ein wichtiger Schutzfaktor für die weitere Entwicklung sein.
Wie Kinder im Alltag gefördert werden können
Förderung muss nicht kompliziert sein. Oft helfen alltägliche Dinge: gemeinsam lesen, spielen, Fragen beantworten oder neue Erfahrungen sammeln. Entwicklungspsychologe Wolke erklärt: Frühgeborene starten mit unterschiedlichen Voraussetzungen ins Leben, aber ihre Zukunft ist nicht vorbestimmt. Die meisten entwickeln sich gut. Gleichzeitig macht die Untersuchung deutlich, wie wichtig frühe Unterstützung für Kinder ist, die mehr Hilfe benötigen. Gute medizinische Versorgung, eine sichere Bindung zu den Eltern und Förderung im Alltag können dazu beitragen, dass aus einem schwierigen Start kein dauerhafter Nachteil wird.

