Ein kurzes Video auf Instagram, verständnisvolle Worte, das Gefühl: Hier werde ich endlich gesehen. Was früher in privaten Zirkeln stattfand, verlagert sich immer mehr ins Netz. Doch die Mechanismen sind dieselben, egal ob im analogen Wohnzimmer oder digital auf Social Media.
Dies sieht auch Andreas Delis immer häufiger. Er leitet beim Polizeipräsidium München Deutschlands einzige polizeiliche Beratungsstelle für „Sekten und Okkultismus“. Algorithmen sorgen dafür, „dass man sich bestätigt, man verstärkt sich quasi auch selbst durch die Algorithmen“ – in geschlossenen Communities oft ohne Korrektiv. Es komme dabei nicht auf die Größe der Gruppe an, sondern auf die Dynamiken, warnt Delis – oft reichten kleine Gruppierungen oder einzelne Online-Persönlichkeiten.
Der „Sog“ des Meisters
Wie krass sich diese Dynamik in einer Gruppe entwickeln kann, zeigt die neue Staffel des BR-Podcasts „Seelenfänger“. Die Aussteigerin Steffi geriet jahrelang in den Sog eines „Meisters“. Sie hat in dieser Zeit, in der sie, wie sie sagt, emotional abhängig war, viele private und finanzielle Entscheidungen getroffen, die sie heute bereut – bis hin zu einem Schwangerschaftsabbruch.
Andreas Delis kennt solche Fälle. Er kann beraten, aber für Ermittlungen sind ihm oft die Hände gebunden. „Wenn Leute freiwillig spenden oder Kurse buchen, dann ist da kein Straftatbestand“, sagt Delis. Manipulation an sich ist nicht strafbar, wenn nicht besondere Umstände hinzukommen.
Selten Druck, eher überströmende Zuneigung
Der Einstieg in problematische Gruppierungen beginnt selten mit offenem Druck – sondern mit einer Welle aus Zuwendung. Psychologen und Ermittler sprechen von „Love Bombing“. Gemeint ist eine Überdosis an Nähe, Bestätigung und Wärme, die Betroffene regelrecht überrollt. „Man anerkennt die Person, wertschätzt sie und sagt Dinge wie: Wie schön, dass du da bist. Wir haben auf dich gewartet“, erklärt Delis.
Besonders anfällig sind Menschen in Krisen: nach Trennungen, bei familiären Konflikten oder in Phasen großer Einsamkeit. „Diese Anführer spielen mit Gefühlen und mit der Hoffnung“, sagt Delis. Aus der anfänglichen Begeisterung werde schnell ein „Gefühls-Overload“, der Kritikfähigkeit und Distanz untergräbt. So entstehe schnell Vertrauen – und damit die Grundlage dafür, Kontrolle über Gedanken, Gefühle und Handlungen zu erreichen.
So entstehen Kontrolle und Abhängigkeit
Sind Menschen erst einmal emotional angebunden, greifen oft nach und nach subtile Kontrollmechanismen. Ein zentraler Schritt ist oft die Isolierung: Familie und Freunde werden abgewertet, kritische Stimmen als „negativ“ oder „schädlich für deine Entwicklung“ dargestellt. „Man isoliert sich, Kontakte werden abgebrochen – und der soziale Druck innerhalb der Gruppe ist enorm“, so Delis.
Parallel wird an den Gefühlen gearbeitet: Zweifel gelten nicht als Warnsignal, sondern als persönliches Versagen. „Diese Manipulationstechniken verzerren die Wahrnehmung der Betroffenen derart, dass sie Selbstzweifel und Schuldgefühle entwickeln“, erklärt Delis. Wer Fragen stellt, bekommt zu hören, er sei „noch nicht so weit“ oder „nicht auf dem richtigen Weg“.
Anzeichen, die skeptisch machen sollten
„Problematisch wird es ab dem Zeitpunkt, wo sich ein Coach, ‚Meister‘ oder wer auch immer mit seiner Lehre identifiziert und sich moralisch über alle anderen stellt“, warnt Polizeiobermeister Delis. Alarmstufe rot ist, wenn jemand ein Monopol auf die Wahrheit beansprucht und Zweifel nicht zulässt. „Wenn Kritik abgewehrt, andere Weltanschauungen abgewertet und Isolation gefördert wird, ist der Kipppunkt erreicht“, so Delis. Wer drängt, Kontakte abzubrechen oder ständig am Selbstwert rüttelt, spielt mit Schuld und Scham.
Besonders heikel wird es, wenn finanzielle Forderungen steigen oder jemand beginnt, Einfluss auf Lebensentscheidungen von anderen Personen zu haben. „Dort, wo Sinn versprochen wird, muss Selbstbestimmung geschützt werden“, sagt Delis. Sobald man merkt, dass jemand die Kontrolle über das ganze Leben übernehmen will oder es komplett beeinflusst, selbst wenn es nur indirekt ist, sollte die Reißleine gezogen werden.
Hinweis: Mehr über die Geschichte von Steffi und die Abgründe alternativer Szenen hören Sie in der Staffel „Meister und Mausi“ des Podcasts „Seelenfänger“ in ARD Sounds.

