Rund 60 Zentimeter tief lag die Flasche im Boden: eine Ein-Liter-Bierflasche der Augsburger Brauerei Sebastian Riegele. Ein Bagger stieß bei Arbeiten in Eisenbrechtshofen darauf. In der offenbar ohne Verschluss vergrabenen Flasche lagen mehrere vergilbte und teilweise stark beschädigte Papierblätter. Das Gemeindearchiv Biberbach untersuchte den Fund. Die Flasche musste beschädigt werden, um die Dokumente zu bergen, anschließend trockneten die Verantwortlichen das Papier.
Das Ergebnis: Trotz des schlechten Zustands sind wesentliche Teile der Urkunde noch lesbar – und geben einen interessanten Einblick in die Zeit nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten in Bayern. Die Urkunde überliefert die Pflanzung einer „Friedenslinde“ am 29. April 1933. Gemeindearchivar Felix Guffler: „Heute ermöglicht uns dieses Dokument, die damaligen Ereignisse aus einer zeitgenössischen Quelle zu betrachten und kritisch einzuordnen.“
Was die Urkunde aussagt
Das Dokument trägt das damalige Dienstsiegel der Gemeinde Eisenbrechtshofen. Teile eines Briefkuverts mit dem Aufdruck „Gemeinderat Eisenbrechtshofen“ sind ebenfalls erhalten, die Namen der Beteiligten aber nicht mehr lesbar.
Die Urkunde stellt die Pflanzung ausdrücklich in den Zusammenhang mit der nationalsozialistischer Machtübernahme. Sie huldigt Adolf Hitler und dessen Politik. Auch das Protokollbuch der damaligen Gemeinde bestätigt den Zusammenhang: Der Gemeinderat beschloss am 28. April 1933, eine „Friedenslinde“ zu pflanzen. Am folgenden Tag wurde der Baum gesetzt.
Die NS-Umdeutung des 1. Mai
Wenige Tage später, am 1. Mai, folgte eine größere Feier, bei der laut Gemeindeverwaltung die von den Nationalsozialisten behauptete „deutsche Befreiung“ verherrlicht wurde. Der Hintergrund: Die Nazis hatten den traditionellen Kampftag der Arbeiterbewegung durch ein Gesetz vom 10. April 1933 zum „Tag der nationalen Arbeit“ umgedeutet. Dass sie ihn gleichzeitig zum gesetzlichen Feiertag erklärten, entsprach scheinbar einer alten Forderung der Gewerkschaften – deren Zerschlagung zugleich betrieben wurde.
Ein Baum im Zeichen der NS-Propaganda
Auch die Bezeichnung „Friedenslinde“ dürfe nicht als unpolitische Friedensbotschaft verstanden werden, erklärt Gemeindearchivar Felix Guffler. Der Baum sei ausdrücklich Teil der NS-Propaganda gewesen. Die Feier sollte die neue politische Ordnung propagieren und die Bevölkerung auf die Ideologie des Regimes einschwören.
Dabei bedienten die Nazis sich volkstümlicher Überlieferungen: Der schon von den Germanen verehrte und oft als Versammlungsort und „Gerichtslinde“ genutzte Baum hatte im 19. Jahrhundert – ähnlich wie die Eiche – immer mehr den Charakter eines „Nationalbaumes“ angenommen. „Kaiserlinden“ wurden gepflanzt, Friedenslinden erinnerten an Feldzüge.
Lokales Zeugnis für den politischen Umbruch
Die Linde stand an einem auffälligen Platz am damaligen Ortseingang, an einem wichtigen Weg zwischen Eisenbrechtshofen und Biberbach. Auch andere Gemeinden der Region pflanzten 1933 „Friedenslinden“ oder „Adolf-Hitler-Linden“.
Die Zeitkapsel aus Eisenbrechtshofen zeigt damit nicht nur ein lokales Ereignis. Sie dokumentiert auch, wie schnell die Nationalsozialisten das öffentliche und kommunale Leben nach der Machtübertragung an Hitler veränderten. Heute steht der Baum nicht mehr. Was aus ihm wurde, ist nicht bekannt.

