Schuhe binden, mit Besteck essen oder einen Stift halten – für viele Menschen sind das Selbstverständlichkeiten. Doch nach einem Schlaganfall oder bei neurologischen Erkrankungen können genau diese Handgriffe zur Herausforderung werden.
Jana ist Ergotherapeutin in München und gemeinsam mit einer Kollegin Standortleiterin einer Praxis für Ergotherapie. Ihre Patientinnen und Patienten kommen mit ganz unterschiedlichen Diagnosen: nach Schlaganfällen, mit Handverletzungen oder etwa mit ADHS. Auch bei Erkrankungen wie Epilepsie, Arthrose, Multiple Sklerose oder Rückenschmerzen kann Ergotherapie zum Einsatz kommen. „Als Ergotherapeuten versuchen wir, Menschen so zu unterstützen, dass sie ihren Alltag wieder selbstständig meistern können“, erklärt Jana.
Nach Schlaganfall: Mit kleinen Übungen zurück zur Selbstständigkeit
Janas erster Patient an diesem Tag hatte vor drei Jahren einen Schlaganfall. Seitdem lebt er mit einer halbseitigen Lähmung. Viele Dinge, die früher selbstverständlich waren, fallen ihm noch schwer. Gemeinsam mit Jana arbeitet er daran, dass seine rechte Hand wieder besser greifen kann. Das aktuelle Ziel: eine Gabel sicher aufnehmen und damit essen. Was einfach klingt, ist für den Patienten eine anstrengende Übung. Jana beobachtet genau, korrigiert die Haltung und motiviert ihn. Nach 45 Minuten zeigt sich der Fortschritt. Das Greifen funktioniert deutlich besser. „Das war doch jetzt richtig schön“, sagt Jana zufrieden.
Was ist der Unterschied zwischen Physiotherapie und Ergotherapie?
Während Physiotherapie vor allem Bewegungen und Muskeln trainiert, konzentriert sich Ergotherapie stärker auf die konkreten Handlungen im Alltag. Es geht darum, Einschränkungen zu überwinden, Fähigkeiten zurückzugewinnen oder neue Wege zu finden, alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Ziel ist es, die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern.
Leben mit Muskelerkrankung: Warum Ergotherapie oft langfristig hilft
Janas nächster Patient kommt schon seit mehr als 20 Jahren in die Praxis. Er sitzt im Rollstuhl und lebt mit Muskelatrophie Typ 3 – einer Erkrankung, bei der Muskelmasse und Kraft langsam abnehmen. Jana trainiert mit ihm vor allem die oberen Extremitäten. Ziel ist es, seine Beweglichkeit möglichst lange zu erhalten. Durch die Erkrankung ist der Patient auf viel Unterstützung angewiesen. Solche Schicksale gehören für Jana zum Berufsalltag. „Wenn ich in der Praxis schwerere Schicksale mitbekomme oder die Patienten mit einem großen Leid hierhinkommen, dann fangen wir das während der Therapiezeit ein Stück weit auf“, sagt sie. „Sich davon abzugrenzen, braucht auf jeden Fall Übung.“
Ergotherapeut werden: Diese Fähigkeiten sind im Beruf wichtig
Neben medizinischem Wissen sind vor allem soziale Kompetenzen für den Beruf entscheidend. Wichtige Fähigkeiten sind unter anderem Empathie, Flexibilität, Selbstorganisation und Teamfähigkeit. „An meinem Job liebe ich die Arbeit mit den Patienten. Jede Begegnung ist einzigartig. Die Menschen bringen ihre eigene Geschichte und Energie mit, und es ist wirklich toll, wenn man sieht, dass sich etwas verändert“, sagt Jana.
Ergotherapie-Ausbildung oder Studium: Janas Weg in den Beruf
In Deutschland kann Ergotherapie sowohl über eine Ausbildung als auch über ein Studium erlernt werden – Jana hat beides gemacht. Sie begann mit einer Ausbildung zur Ergotherapeutin am LVR-Klinikum Essen. Parallel dazu studierte sie von 2019 bis 2022 Ergotherapie und schloss den Bachelor an der Zuyd Hogeschool im niederländischen Heerlen ab. 2020 startete sie in den Beruf.
Heute arbeitet Jana in einer Praxis in München und hat dort seit 2025 die Standortleitung übernommen. Neben der Therapie übernimmt sie auch organisatorische Aufgaben: Sie koordiniert Termine, stimmt sich mit Ärztinnen, Ärzten und dem Team ab und entwickelt Therapiekonzepte.
Gehalt: Wie viel Ergotherapeuten verdienen
Die Arbeit ist abwechslungsreich und verantwortungsvoll – doch auch die Bezahlung spielt im Gesundheitsberuf eine Rolle. Laut Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit (externer Link) liegt das monatliche mittlere Einkommen bei etwa 3.475 Euro brutto.
Für Jana steht jedoch etwas anderes im Mittelpunkt. Wenn sie einer Patientin oder einem Patienten helfen kann, ist das für sie die größte Bestätigung: „Das gibt einem wirklich einen Sinn im Leben – das ist sehr belohnend“, sagt sie.

