Im Landkreis Cham, an der Grenze zu Tschechien, finden Arbeitgeber immer schwerer Azubis. Der Hotellerie-Auszubildende Philip Pohl hat sich gut überlegt, wo er als 15-Jähriger seine Ausbildung beginnt. „Meine Eltern waren im ersten Moment nicht sehr begeistert, da sie selber aus der Gastronomie kommen“, berichtet Pohl. Doch er ließ sich nicht abbringen und begann im Hotel Bayerwaldhof seine Lehre. Zum Einstieg gab es ein dreitägiges Onboarding, um gut im Betrieb anzukommen.
Onboarding, Resilienztraining und Wellness
Das Hotel bildet 28 Azubis in vier Ausbildungsberufen aus, 80 Prozent kommen aus der Region. Hotelbesitzer Thomas Mühlbauer setzt auf ein ganzheitliches Mitarbeiterkonzept. „Wir müssen es schaffen, dass die hier arbeiten wollen, nicht müssen“, erläutert Mühlbauer und ergänzt: „Wir lassen uns da schon viel einfallen.“ Auch ein verpflichtendes Resilienztraining mit einer hausinternen Betriebspsychologin gehört dazu. Außerdem dürfen die Azubis den Fitness- und Wellnessbereich nutzen. Auch mit Mitarbeiterwohnungen will das Hotel Auszubildende für sich gewinnen.
Mythos: Alle jungen Menschen wollen in die Stadt
Die Vorstellung, alle jungen Leute wollten lieber in die Stadt, ist laut Professor Sabine Fromm von der Technischen Hochschule Nürnberg falsch. „Es gibt verschiedene Mythen, die über junge Menschen im Umlauf sind, die sehr wenig mit der Realität zu tun haben“, erklärt Fromm. In ihrer Ausbildungsbefragung sagten weit über 50 Prozent, dass sie im ländlichen Raum bleiben möchten.
Schon beim Bewerbungsprozess profitieren Unternehmen, wenn sie sich flexibel zeigen. Ein Jobinterview sei gerade bei Jugendlichen oft kein geeignetes Instrument, gibt Fromm zu bedenken. Sie seien manchmal nicht sehr mitteilsam. „Das sagt aber nichts darüber aus, wie gut sie eigentlich für den Beruf geeignet wären, den sie anstreben“, ergänzt Fromm. Gerade im technisch-gewerblichen Bereich seien praktische Arbeitsproben viel sinnvoller.
Mehr freie Lehrstellen als Bewerber
Wie kann der ländliche Raum wirtschaftlich überleben, wenn der Nachwuchs in Ausbildungsbetrieben fehlt? Betriebe müssen neue Wege gehen, um Azubis zu begeistern und auch zu halten. Zum Beispiel im Landkreis Cham wächst zwar die Gesamtbevölkerung etwas, aber die junge Altersgruppe schrumpft. Es gibt hier wesentlich mehr offene Lehrstellen als Bewerber. Im Januar 2026 kamen rechnerisch 2,3 offene Ausbildungsstellen auf einen Bewerber.
Im Landkreis Kronach sieht es ähnlich aus. Hier kommen auf einen Bewerber etwa zwei Ausbildungsstellen. Besonders viele offene Plätze finden sich im Lebensmittelhandwerk, in der Gastronomie, im Bauwesen und in Metallberufen.
Ausbildungsprämie und „Wow-Effekt“
Im nördlichen Landkreis Kronach beginnt für Louis Büttner um fünf Uhr morgens die Schicht. Er ist Auszubildender bei Heinz Glas in Kleintettau. „Wenn die Ausbildung schön ist oder der Beruf gut, nimmt man das in Kauf“, sagt Büttner. Er ist im dritten Lehrjahr des Ausbildungsberufes Verfahrensmechaniker für Glastechnik. Ohne diesen Beruf stünden bei dem Weltmarktführer für Edelflakons die Maschinen still.
Das Unternehmen will mit flexiblen Arbeitszeiten, Fortbildungsmöglichkeiten und familiärer Atmosphäre punkten. Außerdem werden 10.000 Euro Prämie für die Glaser-Ausbildung ausgelobt. Heinz Glas hat insgesamt 70 Lehrlinge pro Jahr. Auch Louis Büttner wäre nicht auf dem Land geblieben, hätte das Unternehmen ihn nicht überzeugt. Erst nach der Probearbeit entschied er sich für den Ausbildungsplatz: „Davor habe ich nicht gedacht, dass ich mal Glasmacher bin oder werde.“ Der erste Eindruck sei dann aber spektakulär gewesen „und mit Wow-Effekt“.

