Die Schwestern Veronika und Johanna Kamm sind eine Ausnahme und zwar in doppelter Hinsicht. Mitte 2025 haben sie gemeinsam den Familienbetrieb in Erding übernommen. Huber-Technik hat zwei Geschäftsfelder: Maschinen- und Anlagenbau sowie die Gummiproduktion. Schaut man in die Statistik, übernimmt normalerweise nur eine Person ein Unternehmen, und zwar in 80 Prozent der Fälle. Das zeigt der Nachfolgemonitor der Hochschule für Ökonomie und Management Essen. Außerdem sind es in nur 21 Prozent der Fällen Frauen.
Dass die Schwestern das Familienunternehmen führen, damit sind die beiden nie auf Probleme gestoßen. „Frauen standen bei uns immer an der Tagesordnung“, erklärt Johanna Kamm. Von ihrem Vater und ihrer Mutter haben sie die Firma übernommen und auch ihre Urgroßmutter hat schon in dem mittlerweile 100-jährigen Unternehmen mitgearbeitet. Sonderlich überrascht sei also niemand gewesen, ganz im Gegenteil, sie haben eher positive Reaktionen bekommen, „dass es eben weitergeht“.
Nachfolgewelle rollt auf Bayerns Mittelstand zu
Etwa 36.400 mittelständische Betriebe in Bayern sind laut bayerischem Wirtschaftsministerium „übergabereif“. Unternehmensnachfolger zu finden ist nicht immer leicht, erklärt Hartmut Drechsel, Sprecher der Betriebsberatungsstellen aller bayerischen Handwerkskammern.
Unter anderem geht es ums Geld, wie hoch der Kaufpreis ist und ob der Nachfolger bereit ist, ihn zu zahlen. „Das ist oft nicht trivial“, sagt Drechsel. Der eine habe sein Lebenswerk im Blick, der andere sehe nur den rein materiellen Wert.
BIHK: Unternehmensnachfolge hat sich erschwert
Insgesamt geht der Trend dahin, dass weniger Menschen Betriebe übernehmen wollen. Früher gab es mehr Bewerberinnen und Bewerber für die Nachfolge als es suchende Firmen gab, erklärt der Bayerische Industrie- und Handelskammertag (BIHK) dem Bayerischen Rundfunk. Heute sei es genau andersherum, da komme ein Übernahmeinteressierter auf drei bis vier Betriebe.
Darüber hinaus wollen Kinder Familienunternehmen seltener fortführen, heißt es. Der „familiäre Automatismus“ nimmt ab, das Argument „ich mag nicht mehr“ zu. Gründe sind laut des BIHK etwa die Erbschaftssteuer, zu viel Bürokratie und zu viele Auflagen für heutige Unternehmer. Vorsorge lohnt sich: Firmen mit zukunftsfähigen Geschäftsmodellen und bereits getätigten Zukunftsinvestitionen finden laut BIHK „leichter und sogar problemlos einen Nachfolger“.
Damit der Übergabeprozess klappt, ist außerdem eine strukturierte und konstruktive Kommunikation wichtig, ergänzt Beatrice Rodenstock. Sie berät Familienunternehmen zum Thema Nachfolge. Bereits in den ersten Gesprächen muss alles auf den Tisch: Die Erwartungen aller Beteiligten, die Finanzen, die Frage, ob auch ein Verkauf möglich ist und, ob das Unternehmen überhaupt übernahmebereit ist und wirtschaftlich gut dasteht. Dann könne eine Übergabe innerhalb der Familie funktionieren.
Unternehmensnachfolge ist ein Prozess
Mit über 600.000 Unternehmen, die mehr als vier Millionen Arbeitsplätze bieten, ist der Mittelstand laut Wirtschaftsministerium „das Fundament der bayerischen Wirtschaft“. Und jedes Unternehmen trifft das Thema Nachfolge, erklärt der BIHK. Die Verbände raten dazu, sich möglichst früh damit zu beschäftigen, am besten drei bis zehn Jahre bevor man den Betrieb abgeben möchte.
Auch für Familie Kamm-Huber in Erding war die Unternehmensübergabe ein Prozess. Anfangs haben Eltern und Töchter die Firma gemeinsam geführt. Anschließend zogen sich die Eltern nach und nach aus dem operativen Geschäft zurück bis die Schwestern komplett übernommen haben. Dabei war das nicht schon immer klar.
Erfolgreiche Unternehmensnachfolge kann gelingen
Zuerst haben Veronika und Johanna BWL und Jura studiert. „Das haben unsere Eltern sehr richtig gemacht, dass sie uns die Freiheit gegeben haben, einfach mal Dinge auszuprobieren“, erinnert sich Veronika Kamm. Ihre Eltern haben sie nie nicht dazu gedrängt, den Betrieb zu übernehmen. „Ich glaube, das war so ein bisschen das Geheimnis unserer Übergabe.“
Bereut haben die Schwestern den Schritt nie, auch nicht in den aktuell herausfordernden wirtschaftlichen Zeiten. „Jeder Unternehmer muss in gewissem Teil ein Optimist sein“, erklärt Veronika. „Wir vergraben uns nicht mit den Dingen, die uns viele Nerven kosten, sondern versuchen trotzdem mit einer positiven Stimmung dran zu gehen.“
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