Gedichte, sagt Dagmar Nick gerne, passieren einfach. Oder auch: „Sie rieseln von oben herab“. Man könnte auch sagen: Es sind kleine Erleuchtungen, Epiphanien. Meistens, so fügt die Schriftstellerin – seit vielen Jahren im Münchner Stadtteil Nymphenburg lebend – hinzu, kämen die Texte beim Gehen: „Beim rhythmischen Gehen in frischer Natur. Ohne sich dabei etwas zu denken.“ Es passiert.
Und das seit über 70 Jahren. 1947 – da war sie 21 – erschien ihr erster Gedichtband „Märtyrer“, gewidmet den Überlebenden der Konzentrationslager. Die frühen, eindrücklichen Texte handeln – wie das berühmte Gedicht „Flucht“ – von existenziellen Erfahrungen im Krieg. Ebenso erinnern sie an Anne Frank und an die Ermordeten in Bergen-Belsen: Gedichte gegen das Verschweigen. Zur Lyrik kamen später Hörspiele und Prosatexte. „Die Lyrik ist da oder nicht. Es gibt Zeiten, wo sie gar nicht will. Aber Prosa ist reine Arbeit. Noch und noch.“
Gegen Kriegsende floh sie westwärts
Dagmar Nick wuchs in Breslau auf, in einem musischen Elternhaus. Der Vater – „Nicki“ – war Komponist und bis 1933 Leiter des Schlesischen Rundfunks. Die Mutter – aus einer jüdischen Familie stammend – Sängerin. Nach der politisch motivierten Entlassung des Vaters lebte die Familie in Berlin und in Schlesien. Gegen Kriegsende floh sie westwärts und fand schließlich in München ein Zuhause.
Der ältere Bruder von Dagmar Nick, Soldat im Osten, blieb verschollen. Sie sei eine Unterwegs-Seiende, erzählt die Schriftstellerin. In den 60er Jahren lebte sie eine Zeitlang in Israel, angeregt von den Eindrücken ihres ersten Besuchs dort. „Wie ich den See Genezareth gesehen habe. Und überall waren deutsche Hotels und deutsche Einkaufsmöglichkeiten. Alle haben Deutsch gesprochen. Ich fühlte mich da sehr zu Hause. Nach einer Weile habe ich gedacht: Wo ist das Theater? Und die ‚Kammerspiele‘. Das fehlte mir.“
Große Klarheit und sehr direkt
Die Erfahrungen des Unterwegsseins fanden Eingang in die Gedichte – geschrieben stets mit großer Klarheit, sehr direkt. Auch Griechenland und die damit verbundene Welt der Antike wurden wichtige Themen. Ebenso die jüdische Tradition. Ausgehend von den Geschichten der hebräischen Bibel schrieb Dagmar Nick etwa über Jakob, Isaaks Sohn, oder über Lilith, die erste Gefährtin von Adam.
In den späten Gedichten beschäftigte sich Dagmar Nick auch mit den Erfahrungen von Alter, Krankheit und Tod. Viel Trost ist in diesen Texten zu finden. Mit „Eingefangene Schatten“ schrieb sie zudem die Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren und Verwandten, zurückgehend bis ins 16. Jahrhundert, zu Moses Spanier in Hamburg. Gerne möchte sie, so erzählt Nick, noch die Lebensgeschichte ihrer Mutter Kaete alias „Katja“ schreiben. Das Material ist bereits gesammelt.
Ihr letztes Liebesgedicht
Gedichte „passieren“ derweil noch immer. Nicht so oft, aber doch. Vor einiger Zeit hat Dagmar Nick, wie sie sagt, ihr letztes Liebesgedicht geschrieben. Eine Erinnerung an ihren Mann, der begeisterter Ornithologe war. Und an einen Greifvogel, der auf ihrem Arm saß.
„Wärst du mein Falke / und ich verkappte dich, / so wärest du immer noch schön. / Und trüge ich dich auf meiner linken Faust, / an deinen umschlungenen Fängen / so wärest du immer noch frei // Denn nähm ich dir wieder die Kappe ab / und löste die Schlaufen / so flögest du auf – / und hättest für immer noch / meine Sehnsucht nach dir / in den Schnüren deines Geschühs.“
Ein großes Leuchten in den Augen, als Dagmar Nick erzählt und – aus dem Kopf – rezitiert. Man spürt: Im kleinen Gedicht ist eine so große Freiheit. Und alles Gegenwart.

