Auf der Digitalkonferenz Republica in Berlin wurde viel über Künstliche Intelligenz gesprochen. Und vor allem über ihre Schattenseiten für Medien und Demokratie. Paneltitel wie „Warum KI die Medienkrise nicht lösen wird“ oder „KI und Faschismus“ machten die Richtung klar. Forscher Rainer Mühlhof warnte: „Der neue Faschismus ist eine KI-Technokratie.“ Die Expansionstendenzen der KI-Industrie liefen auf „einen Abbau der Demokratie zugunsten technokratischer Herrschaftsstrukturen“ hinaus.
KI in Medien: Wo bleibt die Effizienz?
Auch innerhalb des Journalismus überwiegt im Moment die Skepsis. Maria Exner, Intendantin des Berliner Journalismushauses Publix, betonte, KI könne strukturelle Probleme nicht lösen: „Journalismus ist nämlich keine Fertigungsstraße.“ Es gebe keinen einheitlichen Prozess, der sich „sauber abgetrennt und auf Effizienzgewinne hin optimieren“ lasse. Gute Recherchen, Einordnung und investigative Arbeit seien nicht beliebig beschleunigbar.
Im Alltag könne KI Medien sogar „weniger effizient machen, wenn am Ende die Ergebnisse der Maschine mühsam vom Menschen überprüft werden müssen oder wenn man dem Ergebnis nicht voll und ganz vertrauen kann.“
KI: „Tool-Euphorie ist vorbei“
Die „naive Tool-Euphorie, die ist ziemlich vorbei“, sagt der BR-Journalist und KI-Experte Christian Schiffer. Statt über neue Überschriften-Generatoren zu sprechen, hätten viele Panels gefragt: „Wer kontrolliert die Infrastruktur, wer verdient an den Inhalten? Was passiert, wenn Antworten nicht mehr über die Medienseiten laufen, sondern direkt aus den Chatbots kommen?“ Die Stimmung gegenüber KI habe sich im Vergleich zu vor zwei Jahren „deutlich verschlechtert“.
Gleichzeitig ist KI längst Teil der Redaktionsroutine. Laut KI-Reifegrad-Report des BDZV nutzen 96 Prozent der deutschen Redaktionen KI – etwa für Transkriptionen, Übersetzungen oder automatisierte Meldungen zu Wetter und Sport.
Googles KI-Übersichten in der Kritik
Im Zentrum der Kritik steht dabei Google mit seinen KI-Übersichten in der Suche. „Ich finde die super problematisch“, sagt Mathias Spielkamp, Mitgründer und Geschäftsführer der NGO AlgorithmWatch. Die KI verwende Inhalte „von im Grunde genommen allen, die irgendwas ins Web stellen“.
Für den Journalismus sei das existenziell: Kommerzielle Medienhäuser seien „wahnsinnig stark von der Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser abhängig“, beim Öffentlich-Rechtlichen sei der direkte Kontakt zum Publikum „die Existenzberechtigung“. Wenn Nutzerinnen und Nutzer nur noch KI-Zusammenfassungen lesen, die aus journalistischen Inhalten generiert werden, „dann ist das einfach überhaupt kein fairer Deal mehr“.
Wegen KI-Zusammenfassung: Klickraten brechen ein
Erste Zahlen deuten auf massive Einbrüche hin. „Die Reise geht steil nach unten“, sagt Spielkamp. Studien aus den USA, wo KI-Übersichten früher eingeführt wurden, zeigen demnach Rückgänge der Klickzahlen „bis zu 40 Prozent“. Weil immer mehr Suchanfragen mit KI-Antworten beantwortet würden, steige die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer „gar nicht mehr auf die Links gucken, die darunter stehen“.
Google habe „mafiöse Strukturen“
Spielkamp wirft Google vor, seine Marktmacht auszunutzen. Der Konzern habe mit einem weltweiten Marktanteil von rund 90 Prozent eine Position erreicht, in der Verlage de facto abhängig seien. „Stellen Sie sich vor, die würden jetzt sagen, ja, wir wollen nicht in diesen KI-Übersichten angezeigt werden. Dann kommen die schlicht nicht mehr vor“, so Spielkamp. Er spricht von „einer Art erpresserischem Modell“ und „mafiösen Strukturen“.
Um dagegen vorzugehen, hat AlgorithmWatch gemeinsam mit Verlegerverbänden, Journalistenorganisationen und weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren Beschwerde nach dem EU-Gesetz des Digital Services Act (DSA) eingelegt. Große Plattformen müssen demnach Risiken neuer Funktionen prüfen und minimieren. Nach Ansicht Spielkamps hätte Google „eine viel genauere Analyse davon machen müssen, was ist denn das Risiko für die Pluralität von Medieninhalten und für die Informationen der Nutzerinnen und Nutzer, wenn sie diese KI-Übersichten einführen“. Auch Risikobegrenzung sei ausgeblieben.
Beschwerde bei der EU
Parallel läuft auf EU-Ebene ein weiteres Verfahren nach dem Digital Markets Act, das die mögliche Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung prüft. Spielkamp rechnet mit langen Verfahren, sieht aber kaum Alternativen: Nationale und europäische Behörden müssten die Macht der großen Tech-Konzerne begrenzen. „Am Ende wird es nur darüber funktionieren können, dass diese Konzerne entflechtet werden“, sagt er. Dazu könnten strengere Datengrenzen, Beschränkungen für gezielte Werbung und das Aufbrechen integrierter Konzernstrukturen gehören.

