Immer wieder gehen die Beziehungen von Theresa in die Brüche. Dass ihre Bindungs- und Selbstwertgefühle mit traumatischen Erfahrungen in Verbindung stehen, die Familienmitglieder Jahre vor ihrer Geburt gemacht haben, ahnt die damalige Endzwanzigerin lange nicht.
Betroffene erkennen den Zusammenhang nicht
Die Psychologie spricht hier von sogenannten „transgenerationalen Traumata“, erklärt die Psychotherapeutin Nike Hilber im BR-Psychologie-Podcast „Die Lösung“. Der Begriff sei in der Forschung vor allem im Zusammenhang mit Nachkommen von Holocaust-Überlebenden entwickelt worden. Grundsätzlich gehe es aber um alle schweren Erfahrungen: Krieg, Flucht, Not, Ängste oder Überforderungen. Angesichts der vielen Krisen und Kriege ein hoch aktuelles Thema.
Symptomatisch dafür sind Theresas scheiternde Beziehungen. In der psychodynamischen Psychotherapie spricht man hier von einem „Wiederholungszwang“, erklärt Nike Hilber. „Bestimmte noch unverarbeitete Erfahrungen oder Konflikte werden in aktuellen Beziehungen oder Situationen hineininszeniert.“ So würden oft immer wieder die gleichen, manchmal auch traumatischen Muster wiederholt. Dahinter stecke die Hoffnung nach einem besseren Ausgang, so Hilber. Hier komme auch die Familiengeschichte ins Spiel: „Wir reinszenieren nicht nur uns selbst, sondern auch, was wir von unseren Eltern bewusst oder unbewusst kennen.“
Früher Beziehungserfahrungen werden unterbewusst abgespeichert
Nach einer besonders schmerzhaften Trennung beginnt Theresa eine analytische Psychotherapie. Dabei kommt ans Licht, dass ihre Mutter als Kind in der Nachkriegszeit schwere Bindungsabbrüche erfahren musste. Theresas Großeltern ließen den Säugling wenige Wochen nach der Geburt bei Theresas Uroma auf dem Land, die das Kind anfangs großzog. Vier Jahre später wird Theresas Mutter wieder aus diesem Zuhause gerissen: Ihre Eltern, die das kleine Mädchen nur von Besuchen kennt, holen sie zurück zu sich in eine rund zwei Stunden entfernte Stadt. „Das hat meiner Mutter echt das Herz gebrochen“, weiß Theresa heute.
Psychologin Hilber ordnet diese biografischen Brüche ein: „Frühe Beziehungserfahrungen prägen das spätere Erleben stark – auch wenn wir uns nicht bewusst erinnern.“ Frühe Erfahrungen – besonders aus dem persönlichen Umgang – werden als Gefühl unbewusst abgespeichert. Und auch Theresas Oma, selbst durch Krieg und Mangel geprägt, habe sich damals eine „harte Schale“ zulegen müssen. „Sie konnte nicht im ausreichenden Maß für die Gefühle ihrer Tochter da sein“, sagt Hilber. „In dem Sinne vererbt sie durch ihr Verhalten ein Trauma weiter.“
Epigenetik: Narben im Erbgut
Einschneidende Erfahrungen sorgen aber nicht nur für Narben in der Seele, sondern auch im Erbgut, so fasst das der Depressionsforscher Florian Holsboer zusammen. Auch Nachkommen von Trauma-Überlebenden, die selbst keinen traumatischen Lebensbedingungen ausgesetzt waren, können mit einer Art genetischer Vorbelastung auf die Welt kommen, die sie zum Beispiel anfälliger für Stress machen können. „Wir sind also vulnerabler für die Entwicklung psychischer Erkrankungen“, erklärt Nike Hilber diese epigenetischen Mechanismen. Die Epigenetik beschäftigt sich mit biologischen Mechanismen, die aufgrund von Umweltbedingungen wie extremer Stress in der Kindheit, Krieg oder auch wirtschaftliche Not oder auch Diskriminierung zu einer Veränderung der Genexpression führen können.
In einer Studie der Emory University School of Medicine in Atlanta brachten Forscher Mäuse dazu, auf einen bestimmten Geruch mit Furcht zu reagieren. Die Stressreaktion der Mäuse auf diesen Geruch beobachteten sie auch bei den Nachkommen – selbst bei solchen, die von fremden Müttern ausgetragen wurden.
Enttabuisieren: Sprechen über die Vergangenheit
Traumata, betont Nike Hilber, werden nicht schablonenartig auf die kommende Generation übertragen. Biologische Faktoren wie Epigenetik, psychologische Faktoren wie der Bindungsstil der Eltern, aber auch soziale Faktoren wirken mit hinein, ob und wie sich ein Trauma in den nachfolgenden Generationen zeigt. Noch immer sei es in vielen Familien tabu, offen über die Vergangenheit zu sprechen. Theresas Mutter jedoch fragte viel nach, wollte verstehen. „Das hat mir echt geholfen“, sagt Theresa. Heute habe sie ein richtig gutes Verhältnis zu ihrer Mutter und fühlt sich in ihrer Familie angenommen. Sie führt inzwischen eine dauerhafte Beziehung und ist selbst Mutter.

