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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Geniestreich der Verführung“: So hält „Parsifal“ wirklich wach
Kultur

„Geniestreich der Verführung“: So hält „Parsifal“ wirklich wach

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 23. März 2026 10:50
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Ob die Welt noch zu retten ist, daran haben ja manche angesichts der aktuellen Schlagzeilen inzwischen ihre Zweifel. Vielleicht ist es ja tatsächlich etwas gewagt, im Diesseits Erlösung von allen Übeln zu erwarten. Überprüfen lässt sich das ab jetzt wieder in deutschen Opernhäusern, denn mit den bevorstehenden Osterfeiertagen hat dort die „Parsifal“-Saison begonnen.

Inhaltsübersicht
Gral hat Konjunktur von Erl bis PassauFantasy-Elemente geradezu zwingendSo düster wie im „Namen der Rose“In Bayreuth mit AR-Brillen

In Richard Wagners letztem, sehr umstrittenen Werk aus dem Jahr 1882 geht es ums nichts weniger als die Rettung der Welt vor Ideologen, Eiferern, Fanatikern. Scheinbar versteinerte gesellschaftliche Verhältnisse werden durch „Karfreitagszauber“ doch noch aufgesprengt und das Christentum so revolutionär gedeutet, wie es anfangs mal gewesen sein könnte: „Erlösung dem Erlöser!“

Gral hat Konjunktur von Erl bis Passau

An der Bayerischen Staatsoper in München steht „Parsifal“ in der Regie des im Mai 2025 verstorbenen Pierre Audi vom 5. bis 11. April wieder auf dem Spielplan. Am Landestheater Niederbayern verabschiedet sich Intendant Stefan Tilch mit seiner Neuinszenierung des Bühnenweihfestspiels, Premiere ist am 2. April im Theaterzelt in Landshut, am 14. April in Straubing und am 24. Mai in der Dreiländerhalle in Passau. Auch im österreichischen Erl unweit von Kufstein, sowie in zahlreichen weiteren Opernhäusern ist „Parsifal“ in den nächsten Tagen zu erleben, etwa in Budapest, Wien, Prag, Berlin, Mannheim und Düsseldorf.

Friedrich Nietzsche hätte diese „Parsifal“-Konjunktur gegraust, seine innige Freundschaft zu Richard Wagner zerbrach über diesem Musikdrama. Grund dafür: Nietzsche verabscheute das (scheinbar) christliche Thema der mittelalterlichen Grals-Legende. Er sprach grimmig von einem „Geniestreich der Verführung“ und schimpfte lauthals, Wagner sei am „Wiederkäuen religiöser Absurditäten“ förmlich erstickt.

Fantasy-Elemente geradezu zwingend

An der Semperoper in Dresden dürfte Nietzsche diesbezüglich auch keine Freude gehabt haben, denn dort verlegten der holländische Regisseur Floris Visser und sein Bühnenbilder Frank Philipp Schlößmann die Handlung bei der jüngsten „Parsifal“-Premiere in eine imposante gotische Kirchen-Ruine. Touristen schlendern mal mehr, mal weniger interessiert durch die fünfschiffige Anlage, auch eine Schülergruppe lässt die Besichtigung der Mauerreste über sich ergehen.

Einer der Jungen scheint von der Erzählung der Grals-Legende so fasziniert, dass in seiner Einbildung prompt die ganze Handlung abläuft, und zwar sehr katholisch. Vom Weihwasser über Weihrauch bis zum Sündenfall von Adam und Eva samt keckem Teufel wird nichts ausgelassen. Selbstverständlich fließt auch reichlich Blut, Inbegriff mystischer Ekstase.

So düster wie im „Namen der Rose“

Das ist sehr bildstark gedacht und gemacht, denn wenn das Publikum Wagners rätselhaftes Abschiedswerk mit den Augen eines Kindes sieht, sind jede Menge unterhaltsame Fantasy-Elemente nicht nur erlaubt, sondern geradezu zwingend. Es geht so düster zu wie im „Namen der Rose“, und auch immer wieder ironisch: Der hier verwendete Heilige Speer ähnelt der in der Wiener Schatzkammer aufbewahrten Heiligen Lanze aus dem Mittelalter zum Verwechseln.

Gegen Ende erinnert das Ganze fast schon an die grausliche „Pestbeulen“-Szene in Monty Python’s „Spamalot“. Sei’s drum: Die knapp sechsstündige Aufführung fesselt die Zuschauer fast durchgehend, was beim meditativen „Parsifal“ sehr selten der Fall ist. Einer der Regie-Kniffe: Wie in TV-Krimis wird fast alles, was erzählt wird, in Rückblenden bebildert. Da wird die Textverständlichkeit nebensächlich. Was ansonsten oft verärgert, passt in diesem Fall zur kindlichen Vorstellungswelt.

In Bayreuth mit AR-Brillen

Beachtlich, dass der Abend trotz einiger Protestrufe gegen das Regieteam ein fulminanter Erfolg wurde, obwohl Dirigent Daniele Gatti auf zeremonielle Langsamkeit setzte und die Solisten zwar schauspielerisch inspiriert bei der Sache waren, stimmlich allerdings ein paar Wünsche offen blieben (Ausnahme: Scott Hendricks als Klingsor), leider auch beim Bayreuther Publikumsliebling Georg Zeppenfeld.

Mal sehen, was die weitere „Parsifal“-Hochsaison noch so alles bereithält. Bei den Bayreuther Festspielen werden wieder „Augmented Reality“ (AR)-Brillen zum Einsatz kommen, die allerdings das Versprechen, neue Erlebnis-Dimensionen zu eröffnen, nicht so recht einhielten. Mitunter schlafen Zuschauer bei diesem kontemplativen Wagner-Marathon ein – womöglich auch eine Art Erlösung.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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