Lasse ich mich impfen oder nicht? Bei dieser Frage scheiden sich die Geister. Allerdings lehnt nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Impfungen generell ab. Die Mehrheit der Gesellschaft hegt Vertrauen in die Wissenschaft, glaubt an den Schutz von Impfungen vor schwerwiegenden Infektionskrankheiten. Doch die Unsicherheit in Bezug auf mögliche Nebenwirkungen hat allgemein zugenommen. Und: In bestimmten Bevölkerungsgruppen lassen sich zu wenige Menschen zu selten impfen. Das zeigt ein neues Forschungsprojekt des Robert Koch-Instituts mit dem Titel IMPRESS.
Die Studie konzentriert sich auf die sogenannten „impfzögerlichen Personen“, erklärt Nora Schmid-Küpke vom RKI: „Es ist nicht so, dass diese Personen Impfen grundsätzlich ablehnen, aber sie sind sich teilweise unsicher in ihrer Entscheidung, lassen manche Impfungen aus, nehmen andere an, das ist eine relativ große Gruppe.“
Impfquote bei Influenza-Risiko-Gruppe besonders niedrig
Um herauszufinden, welche Faktoren die Impfbereitschaft der Bevölkerung beeinflussen, haben sich die Forscherinnen bestimmte Gruppen näher angeschaut. Dazu gehören die Personen mit Impfempfehlung für Grippe: Menschen über 60 Jahre, Menschen, die in Pflegeheimen wohnen, oder Pfleger, bzw. medizinisches Personal. Hier gebe es in Sachen Impfakzeptanz noch Nachholbedarf, sagt Nora Schmid-Küpke: Bei den über 60-Jährigen sei die Impfquote mit 34 Prozent so niedrig wie seit 17 Jahren nicht mehr. Das habe mitunter damit zu tun, dass sich diese Menschen selber als ausreichend fit erleben und eben nicht als Risikogruppe empfinden, erklärt Schmid-Küpke.
Falschinformationen im Netz Grund für zunehmende Impf-Skepsis
Faktoren für die steigende Impfmüdigkeit gibt es viele: Einer davon sind die Falschinformationen im Netz, sogenannte Impfmythen, die sich insbesondere seit der Corona-Pandemie in bestimmten Milieus verbreitet haben. Fünf Jahre nach dem Start der Impfungskampagne gegen Covid-19 kursieren immer noch Falschinformationen über den mRNA-Impfstoff. Etwa, dass er zu Unfruchtbarkeit führen oder das Erbgut verändern könne. Gerade diese letzte Behauptungen wurde mehrfach wissenschaftlich überprüft und hat sich als haltlos erwiesen.
„Grundsätzlich kann man aus unserer Sicht sagen, dass alle in Deutschland zugelassenen Impfstoffe sicher und wirksam sind“, sagt Stefan Vieths, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. „Sie werden vor ihrer Zulassung ausgiebig geprüft und werden kontinuierlich weiter überwacht.“ Das Paul-Ehrlich-Institut ist zuständig für die Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität von Impfstoffen. Als solches erhält es immer noch viele Fragen rund um die Sicherheit von Impfstoffen, auch was mRNA-Impfstoffe betrifft.
Sorge vor Nebenwirkungen seit der Corona-Pandemie gestiegen
In der Corona-Pandemie seien in sehr kurzer Zeit eine enorme Menge an Menschen geimpft worden, mit Impfstoffen, die in relativ kurzer Zeit zugelassen worden waren. „Wenn sehr viele Menschen geimpft werden, bekommt man natürlich auch viele Nebenwirkungsmeldungen“, erklärt Stefan Vieths vom PEI. „Das ist sicherlich einer der Gründe, warum einfach auch die Verträglichkeit von Impfstoffen sehr stark in der öffentlichen Aufmerksamkeit war.“
Hinzu kommt: Im Vergleich zu anderen Impfstoffen haben mRNA-Impfstoffe eine erhöhte sogenannte Reaktogenität. „Das heißt, diese kurzfristigen Nebenwirkungen, wie eben Schmerzen an der Einstichstelle, Schwellungen, ein bisschen Fieber bekommen, die sind bei den mRNA-Impfstoffen etwas stärker als bei anderen Impfstoffen, und das zieht nochmal mehr Aufmerksamkeit auf sich.“
Dadurch, dass in der Corona-Pandemie so viele Menschen auf einmal geimpft wurden, ließen sich schwere Nebenwirkungen, wie beispielsweise die Herzmuskelentzündung, von der vor allem junge Männer betroffen waren, schneller als sonst identifizieren und auf die Nebenwirkungsliste aufnehmen. Man habe die Risikosignale erkannt und als Maßnahme gegebenenfalls einen anderen Impfstoff empfohlen, sagt Vieths.
Vertrauen wichtigster Faktor bei Impfverhalten
Ganz gleich, ob es sich um eine Corona- oder eine Grippe-Impfung handelt: Die wichtigste Rolle bei der Entscheidung, sich impfen zu lassen oder nicht, spiele das Vertrauen, sagt Nora Schmid-Küpke vom RKI. Für die Wissenschaftlerin ist das ein Ansporn, sich noch stärker für Aufklärungsarbeit zu engagieren und Impfmythen zu entlarven.

