In Berlin läuft seit vergangenem Freitag das Theatertreffen. Das zweiwöchige Festival zeigt die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des Theaterjahres aus dem deutschsprachigen Raum. Gleich zweimal eingeladen wurden die Münchner Kammerspiele. Zum einen mit einer Bühnenadaption von Klaus Manns Roman „Mephisto“. Am kommenden Wochenende zeigen die Kammerspiele dort dann auch noch Friedrich Schillers „Wallenstein“. Mit dabei in der Rolle des Feldmarschalls Illo: Die Schauspielerin Katharina Bach. Sie wird für ihre Darstellung am Samstag im Rahmen des Theatertreffens mit dem 3-Sat-Preis für eine „künstlerisch innovative Leistung“ ausgezeichnet.
Der flackernde Blick des Fanatikers
Eigentlich scheint dieser Illo mit Blick aufs ausufernde Figurenverzeichnis von Schillers Monumentaldrama keine allzu prominente Rolle. Ein Offizier von etlichen im Heer Wallensteins. Aber: ein besonders glühender Gefolgsmann. Als Wallenstein mit seinem Kaiser bricht, bleibt Illo fest an der Seite des Generalissimus.
Katharina Bach verkörpert diesen bis in den Tod führergehorsamen Feldmarschall mit dem flackernden Blick eines Fanatikers. Ein Musterbeispiel dessen, was man heute „toxische Männlichkeit“ nennt, ist dieser Illo, gespielt – wie auch die meisten anderen Offiziere in Jan-Christoph Gockels fulminanter Inszenierung – von einer Frau. „Ich persönlich möchte Wallenstein nicht mehr auf der Bühne sehen von Männern gespielt, die diese männliche Aggressivität darstellen. Dazu kann ich einfach rausgucken in die Welt, das reicht mir schon“, sagt Bach.
Katharina Bachs Illo ist eine furchteinflößende Figur, zugleich aber blitzt in den irrlichternden Augen stets auch die schiere Angst dieser scheinbar furchtlosen Kampfmaschine auf. Bach liefert sich der Rolle aus mit Haut und Haaren. Obwohl es in dem Fall ja gar nicht die eigene Haut ist, und auch nicht die eigenen Haare. Die Schauspielerin trägt eine Gummiglatze, halsabwärts steckt sie in einem Latex-Brustpanzer, der ihren schmalen Leib in einen muskulösen Männer-Oberköper verwandelt.“ Man sitzt breitbeiniger, man steht breitbeiniger, die Brust ist weiter oben. Dementsprechend ist dieses Kostüm, sag ich mal, schon sehr auf den Körper übergehend.“
Eine der prägendsten Erscheinungen im Ensemble
Katharina Bach kam 2020 an die Münchner Kammerspiele und wurde schnell zu einer der prägendsten Erscheinungen im Ensemble. Unvergesslich unter anderem: ihre Verkörperung der Titelheldin von Henrik Ibsens Drama „Nora“. Bach lud die aus dem Ehegefängnis ausbrechende Bankdirektorengattin mit einer nervösen Energie auf, die die Inszenierung von Felicitas Brucker zum Ereignis machte.
Herausragend auch zuletzt: „Glitsch“, die Befragung fragwürdiger Körperideale durch Choreografin Doris Uhlich. Hier ist Bach eine von sechs durchgehend nackten Performerinnen und Performern, die mal zu pulsierenden Beats, mal zu schwebenden Klängen entfesselt über die Bühne schliddern. Eine Feier der Vielfalt der Körperformen jenseits zweifelhafter Normen. „Die Nacktheit an sich ist ja nicht das Problem, sondern wir als Gesellschaft, dass wir uns darüber empören, wenn es Nacktbilder gibt.“
Ein unvergesslicher Theatermoment
Ganz nackt steht Katharina Bach auch am Ende von „Wallenstein“ auf der Bühne. Ächzend schält sie sich aus der Feldmarschall-Illo-Latexhaut und trägt dabei einen Text der belarussischen Schriftstellerin Swetlana Alexandrowna vor. Das gestählte Muskelpaket verwandelt sich zurück in einen verletzlichen Menschen. Wie Bach sich auszieht bis auf die buchstäblich nackte Existenz – das ist ein Theatermoment, der ihrer Darstellung eine Dringlichkeit gibt, die aus einer ohnehin großartigen Rollengestaltung eine unvergessliche macht.

