Um die Geschichte der Nürnberger Prozesse auf seine Weise zu erzählen, hat Regisseur James Vanderbilt gleich zwei Oscar-Preisträger gewonnen. Während Russell Crowe (Oscar 2001 als bester Hauptdarsteller in „Gladiator“) in seiner Rolle als Hermann Göring beeindruckt, wirkt Rami Malek (Oscar 2019 für seine Rolle als Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“) dagegen eher austauschbar.
Kriegsverbrecher-Prozess als Psycho-Duell
Der Film von Regisseur James Vanderbilt konzentriert sich auf das psychologische Duell zwischen dem ranghöchsten Nazi-Angeklagten Hermann Göring und dem US-Armeepsychiater Douglas Kelley, verkörpert von Rami Malek. Kelley soll vor Prozessbeginn die Zurechnungsfähigkeit der Angeklagten prüfen und gerät dabei in den Bann des manipulativen Göring. Denn der Gestapo-Gründer wird nicht als eindimensionale, monsterartige Persönlichkeit dargestellt, sondern als charismatische Erscheinung, die Crowe gleichsam jovial, charmant und manipulativ darstellt.
Kritiker werden bemängeln, dass dem historischen Göring damit eine fragwürdige Größe zugestanden wird. Denn auf dem Höhepunkt seiner Macht war der „Reichsfeldmarschall“ vor allem übergewichtig, morphinabhängig und in der Öffentlichkeit meist in Fantasieuniformen unterwegs – was ihm den Spottnamen „Lametta-Heini“ einbrachte.
Zwischen Fakten und Fiktion
Dennoch lohnt es sich, den knapp zweieinhalb Stunden langen Film anzusehen. Die wichtigen historischen Eckdaten stimmen. Dass es aber im Wesentlichen dem Psychologen Kelley zu verdanken sein soll, dass sich Göring im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher selbst belastete, ist sicherlich übertrieben.
Dafür werden aber wesentliche Aussagen der Vorlage des Films aufgegriffen. Denn „Nürnberg“ basiert auf dem Buch „The Nazi and the Psychiatrist“ von Jack El-Hai. El-Hai hatte sich mit den Aufzeichnungen Kelleys beschäftigt und mit der düsteren Beziehung zwischen dem US-Armee-Psychiater und Hermann Göring. Kelley kam damals zu dem für ihn selbst verstörenden Urteil, dass man bei Göring zwar einen „aggressiven Narzissmus“ feststellen konnte, dass aber nicht nur Göring, sondern auch die anderen Nazi-Größen geistig gesund waren.
Tragisches Schicksal
Kelley folgerte daraus, dass es in jeder Gesellschaft Menschen mit ähnlichen Persönlichkeitsstrukturen gibt und dass sie unter bestimmten politischen Bedingungen auch einen Weg an die Macht finden können. Eine Erkenntnis, für die er in den USA kritisiert wurde und die ihm selbst offenbar am meisten zu schaffen machte. Von Depressionen geplagt, nahm sich Kelley 1958 das Leben – mit einer Zyankali-Kapsel, genau wie Göring, der sich vor der Vollstreckung des gegen ihn verhängten Todesurteils 1946 in seiner Nürnberger Zelle vergiftete.
„Nürnberg“ ohne Nürnberg
Der Film heißt zwar „Nürnberg“ und verarbeitet die Nürnberger Prozesse, doch räumlich hatten die Dreharbeiten überhaupt nichts mit Nürnberg zu tun. Gedreht wurde in Ungarn und dort hauptsächlich in Budapest. Für die Dramaturgie ist das allerdings kein Problem. Denn im Prinzip ist „Nürnberg“ ein klassisches Courtroom-Drama, das weitgehend ohne Außenaufnahmen auskommt. Fans dieses Genres werden auch „Nürnberg“ einiges abgewinnen können.

