Wenn es eine Sache gibt, die die ESC-Gewinnersongs der letzten Jahre gemeinsam haben, dann das: es gewinnt nicht unbedingt der perfekte Popsong. Andernfalls wäre der deutsche Beitrag „Fire“ von Sarah Engels vielleicht nicht auf dem drittletzten Platz gelandet, sondern weiter vorne.
Denn der Song wartet mit allem auf, was der Pop-Songwriter-Handwerkskoffer so zu bieten: Eine wohldosiert schmerzvolle Strophe unterlegt mit molligen Klavierakkorden. Pause. Kurze Steigerung. Etwas mehr Power in der Stimme. Steeldrums, die einen Höhepunkt andeuten. Kurze Pause. Dann ein eingängiger Refrain – mit gedoppelten Buzzwords. An sich alles leicht bekömmlich.
Mehr Opernarie als Pop
Zu leicht vielleicht. Denn blickt man auf die Gewinnersongs, der letzten Jahre, dann hat nicht unbedingt die leichte Kost gewonnen. „Wasted Love“ der Song des Vorjahresgewinners JJ fordert dem Hörer durchaus etwas ab. Der Refrain ist mehr Opernarie als Pop und biegt am Ende in Richtung Techno-Club ab.
Und auch der Vorvorjahres-Gewinnersong „The Code“ von Nemo bietet einen wilden überdrehten Genremix – vom Operettenhaften, über Rap hin zu Pop und wieder zurück. Technisch anspruchsvoll. Aber musikalisch auch ziemlich sperrig.
Ganz das Gegenteil davon ist der diesjährige Gewinnersong „Bangaranga“ der Künstlerin Dara. Der Song ist eine von vorne bis hinten ziemlich stringent durchkomponierte Dance-Nummer mit Gang-Nam-Style-Allüren. Langezogener Gesang über fritzelnden Beats, gebrochen von einem nervös-chaotischen Refrain, der wiederum in einen Dance-Hall-Beat absäuft. Und den Faden dann wieder erneut aufnimmt.
Es kommt auf das Gesamtpaket an
Sucht man also nach der perfekten ESC-Song-Rezeptur, dann bliebe nur zu konstatieren: Das eine Rezept gibt es nicht. Zumal es beim ESC eben nicht nur auf Stimme oder Komposition ankommt. Es zählt eben das vielzitierte Gesamtpaket.
Wer beim ESC gewinnen will, muss das Publikum nicht nur mit seinem Song, sondern mit dem ganzen Drumherum überzeugen. Es gilt, aufzufallen: mit einer aufregenden Lebensgeschichte, einem möglichst schrägen Outfit, einem krassen bis umstrittenen Show-Act, vor allem jedoch mit einer emotionalen Bindung an die Zuschauer im Saal und vor den Bildschirmen.
Beispiele dafür sind die finnischen Grusel-Rocker der Band Lordi, die 2006 gewannen, der österreichische Performer Thomas Neuwirth alias „Conchita Wurst“, der 2014 triumphierte, die römische Rockband Måneskin, die den Wettbewerb 2021 aufmischte, und Nemo, die erste nichtbinäre Person, die 2024 für die Schweiz siegte. Auch der letztjährige Gewinner Johannes „JJ“ Pietsch lieferte als Countertenor mit philippinischen Wurzeln eine vielfach inspirierende Personality-Story.
Der ESC ist eben nicht einfach nur ein Gesangswettbewerb, sondern ein Medienspektakel, das weltweit rund 160 Millionen Menschen verfolgen. Und die wollen ja unterhalten werden.

