„Laut unserer Umfrage ging der Anteil der Unternehmen, die im Mai neue Mitarbeiter einstellten, zurück. Es besteht die Gefahr, dass die Investitionspause längerfristig in eine Investitions-Verweigerung mündet“, so Alexander Schochin, der Vorsitzende des Russischen Verbandes der Industriellen und Unternehmer bei einem Online-Treffen mit Präsident Putin. Damit fasste Schochin die düstere Lage der Kriegswirtschaft zusammen, die von russischen Kommentatoren mit Hinweis auf die offiziellen Statistiken seit Monaten beklagt wird.
Doch Putin wollte auf diese wenig zuversichtliche Bestandsaufnahme ausdrücklich nicht eingehen [externer Link], sondern setzte auf eine demonstrative Korrektur: „Ich denke, es ist angebracht, etwas zu klarzustellen: Es gibt letztlich keine Investitionspause, die Investitionen laufen weiter. Bis zu einem gewissen Grad kann man von einer Art Investitionszurückhaltung sprechen…“ Die Lage sei „im Großen und Ganzen unter Kontrolle“.
Putin: „Höhepunkt der Krise überwunden“
„Investitionszurückhaltung“ statt „Investitionspause“ – aus der Sicht nicht weniger russischer Beobachter ein weiteres skurriles Beispiel für „Neusprech“, wie die beschönigende Wortwahl der Propagandisten genannt wird. Das bezieht sich auf einen entsprechenden Ausdruck im Roman „1984“ von George Orwell, wo eine imaginäre Zukunfts-Diktatur den Bürgern ein völlig absurdes Vokabular eintrichtert.
Blogger Nikolai Trawkin empfahl allen Kabinettsmitgliedern [externer Link], Putins Wortwahl vorsorglich „große Aufmerksamkeit“ zu schenken und erinnerte an einen früheren Fall von Schönfärberei. Ex-Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew hatte mal gesagt, die russische Wirtschaft befinde sich auf ihrem „Tiefpunkt“. Die damalige „Berichtigung“ von Putin: „Die russische Wirtschaft hat den Höhepunkt der Krise überwunden.“
„Vielleicht wird der Druck wirklich groß“
Kremlfans unter russischen Zeitungslesern urteilten im aktuellen Fall [externer Link]: „Schochin ist die Stimme der Wirtschaft. Putin ist die Stimme des Optimismus.“ Ein weniger ultrapatriotischer Kommentator meinte: „Ein Experte sagt, die Wirtschaft stehe vor schwierigen Zeiten, aber manche Leute sind nicht nur anderer Meinung, sie streiten sich sogar mit ihm. Ja, manche Leute sollten in den Ruhestand gezwungen werden.“
Ein weiterer Diskutant erinnerte in diesem Zusammenhang an ein berühmt-berüchtigtes Zitat des romantischen russischen Schriftstellers und Philosophen Konstantin Leontjew (1831 – 1891): „Wir müssen Russland zumindest etwas einfrieren, damit es nicht stinkt.“ Es war auch die Befürchtung zu lesen, Putin könnte bis Ende des Jahres von „Neusprech“ zu Schimpfwörtern wechseln: „Vielleicht wird der Druck wirklich so groß…“ Normale Leute wählten zur Beschreibung der aktuellen Lage schon seit zwei Jahren ausschließlich „obszöne Ausdrücke“.
„Kinderschutz“ statt „Zensurmaßnahmen“
Der viel zitierte Polit-Blogger Dmitri Petrowski spottete [externer Link]: „Jetzt warten wir nur noch darauf, dass unser Präsident endlich merkt, dass die Wirtschaft am Boden liegt. Die Regierung wird dann sofort reagieren und verkünden, dass alles am Ende ist. Tatsächlich scheint es, als ob genau das ihr Ziel ist – zusammen mit der Zentralbank. Damit die Trümmer so sauber und ordentlich wie möglich aussehen.“

