Der vom Landgericht München vorgeladene Zeuge Christian C. hat zwar nicht lange im Wirecard-Konzern gearbeitet, mitbekommen hat er dafür aber ziemlich viel. Von 2009 bis 2012 war der Mann bei dem Aschheimer Zahlungsdienstleister im Bereich Compliance tätig. Glückspiel-, Porno-, teilweise auch betrügerische Internetseiten von Konzern-Kunden – all das ist ihm in dieser Zeit nach eigenen Angaben untergekommen.
Heute bezeichnete er dieses Hochrisiko-Geschäft als „Graubereich“. Nach seinem Eindruck haben die Verantwortlichen bei Wirecard dieses Business ganz bewusst gemacht – weil es so lukrativ war. Wenn es Bedenken und Einwände gegeben habe, seien diese „overruled“ worden. Mit anderen Worten: Wenn es auf die Bilanz einzahlt, seien bei Wirecard beide Augen zugedrückt worden.
Geschäft des Zeugen strauchelte – weil Wirecard Zusagen nicht einhielt
Nach eigener Aussage hat Christian C. 2012 bei Wirecard gekündigt und sich mit einer Firma selbständig gemacht. Die Firma bot unter anderem den Service an, Online-Händler und damit Wirecard-Kunden mit Hilfe eines automatisierten Verfahrens und anhand mehrerer Kriterien auf ihre Seriosität hin zu überprüfen. Das Konzept der Firma schien so zu überzeugend zu sein, dass sogar die Frau des ehemaligen Wirecard-Finanzvorstands Burkard Ley investierte. Es folgte eine jahrelange Geschäftsbeziehung mit Wirecard.
Diese habe sich nach Angaben des Zeugen allerdings nicht so entwickelt, wie er sich das vorgestellt hatte. Anfangs vom Unternehmen gemachte Zusagen habe es nicht eingehalten, das habe seine Firma kräftig ins Schlingern gebracht. Weil sich der flüchtige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek offensichtlich verantwortlich fühlte, habe dieser C. Investoren vermittelt, unter anderem aus dem Porno-Business. Die Männer pflegten enge Geschäftsbeziehungen mit Wirecard und Marsalek – und sie rückten vor wenigen Monaten im Zuge der „Chargeback“-Ermittlungen in den Fokus.
Nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA), das in Deutschland unter anderem an den Ermittlungen beteiligt ist, wird mehr als 40 Beschuldigten vorgeworfen, „Kreditkartendaten von rund 4,3 Millionen Karteninhaberinnen und -inhabern aus 193 Ländern missbräuchlich verwendet zu haben“. Der Schaden dürfte im hohen dreistelligen Millionenbereich liegen. Die Behörden haben 18 Haftbefehle im In- und Ausland vollstreckt, teilte das BKA im November vergangenen Jahres mit.
Ex-Wirecard-Managerin inhaftiert und nach Deutschland überstellt
Wirecard und „Operation Chargeback“ – es gibt weitere personelle Überschneidungen bei diesen Skandalen. So haben die Behörden in Singapur die dort tätige frühere Vertriebschefin für das Wirecard-Asien-Geschäft, Brigitte H., Ende März nach Deutschland überstellt, nachdem sie sie im November 2025 nach der Übermittlung eines Haftbefehls festgenommen haben. Die deutschen Behörden hätten mitgeteilt, Brigitte H. werde unter anderem Betrug und Geldwäsche im Zusammenhang mit dem Wirecard-Konzern vorgeworfen. Brigitte H., die auch als enge Vertraute von Jan Marsalek gilt, ist dem Vernehmen nach nicht bereit, am Landgericht München als Zeugin auszusagen.
Vorführung in Handschellen – Christian C. sagt weiter aus
Christian C. will dem Landgericht nach seiner mehrstündigen Aussage am Mittwoch auch am Donnerstag noch Rede und Antwort stehen zu Themen und Aspekten aus dem Bereich Online-Zahlungsabwicklung. Die Umstände seiner Aussage sind ungewöhnlich. Weil auch er im Zuge der Ermittlungen zur „Operation Chargeback“ in Untersuchungshaft sitzt, hat ihn ein Justiz-Mitarbeiter der JVA-Stadelheim in Handschellen zum Zeugen-Stuhl geführt.
Im seit Dezember 2022 laufenden Wirecard-Prozess ist unter anderem der frühere Vorstandschef Markus Braun angeklagt – wegen des Verdachts des bandenmäßigen Betrugs. Ein Prozessende ist nicht absehbar. Nach Brauns Überzeugung hat eine Bande um Marsalek und den Mit-Angeklagten Oliver Bellenhaus, einstiger Wirecard-Statthalter in Dubai, Konzern-Gelder aus dem Auslandsgeschäft mit sogenannten Drittpartnern veruntreut. Diese These wollte Christian C. in der Hauptverhandlung bisher nicht bewerten. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft waren weite Teile des Wirecard-Geschäfts mit den Drittpartnern frei erfunden.
Der Konzern war im Juni 2020 kollabiert, nachdem 1,9 Milliarden Euro nicht mehr auffindbar waren, die nach offizieller Darstellung ein Treuhänder auf philippinischen Konten für Wirecard verwahren sollte. Selbst Braun-Verteidigerin Theres Kraußlach ist inzwischen der Meinung, dass dieses Guthaben nie existiert hat. „Das können wir mittlerweile alle nicht abstreiten, das ist offensichtlich“, sagte Sie im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem BR.

