Mit Christopher Nolans Verfilmung der „Odyssee“ steht eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur vor einer neuen Karriere auf der Kinoleinwand. Doch wer war Odysseus eigentlich? Der Bielefelder Althistoriker Raimund Schulz zeichnet in seinem neuen Buch „Odysseus. Mythos und Wahrheit“ das Bild eines Helden, der mit den gängigen Vorstellungen nur wenig gemein hat.
Dass sein Buch kurz vor dem Filmstart erscheint, ist kein Zufall. „Das Buch wollte ich schon immer schreiben“, sagt Schulz. Als er die Idee seinem Verlag vorgestellt habe, sei die Reaktion eindeutig gewesen: Das Manuskript müsse möglichst rasch erscheinen, auch weil der Film komme. „Der Verlag hat natürlich gewisse strategische Erwägungen, aber der hat mich jetzt nicht getrieben. Das passte eben so.“
Die dunklen Seiten des Helden
Schulz beschreibt Odysseus als eine deutlich widersprüchlichere Figur, als viele Leserinnen und Leser ihn kennen. Der König von Ithaka sei ein „Trickster“, ein Mann voller Schliche und Täuschungen. Gleichzeitig sei er keineswegs nur ein kluger Stratege, sondern auch gewalttätig und rücksichtslos gewesen.
„Wir haben’s uns doch zu leicht gemacht mit Odysseus“, sagt Schulz. Die traditionelle Lesart blende viele problematische Seiten der Figur aus. Odysseus verfüge zwar über außergewöhnliche Fähigkeiten, nutze aber immer wieder Mittel, „nämlich Betrug und Lügen“, die ihn kaum als moralisches Vorbild erscheinen lassen.
Besonders kritisch sieht Schulz das Bild des treuen Ehemanns, der nach Jahren der Entbehrung nur zu seiner Frau Penelope zurückkehren möchte. Diese Vorstellung sei stark vom 19. Jahrhundert geprägt und romantisiere die Figur. Tatsächlich verbringt Odysseus lange Zeit bei Kirke und später bei Kalypso. Die Irrfahrten des Helden erscheinen bei Schulz daher weit weniger als reine Leidensgeschichte denn als komplexes Abenteuer voller Versuchungen.
Blutige Rückkehr nach Ithaka
Auch das Ende der Odyssee liest Schulz anders als viele moderne Interpretationen. Die Rückkehr nach Ithaka und die Tötung der Freier seien keine gerechte Wiederherstellung der Ordnung, sondern ein brutales Blutbad. „Die Hörer sollen lernen, wie man es nicht macht“, sagt der Historiker über seine Deutung der Figur. Odysseus könne durchaus faszinieren, tauge aber eher als abschreckendes Beispiel. Bemerkenswert sei auch, dass von seinen Gefährten niemand überlebt. Am Ende kommt nur er selbst nach Hause.
Gerade diese düsteren Seiten machen die Geschichte für Schulz bis heute spannend. In seinem Buch zieht er Vergleiche zu modernen Actionhelden wie Indiana Jones oder den Figuren aus der „Mission: Impossible“-Reihe. Viele Motive, die heutige Abenteuerfilme prägen, seien bereits in der Odyssee angelegt.
Entsprechend groß sind seine Erwartungen an Nolans Verfilmung. Im Trailer erkenne man bereits die dunklen und gewaltsamen Elemente der Geschichte. „Diese Düsternis, die Brutalität, das Blut, was da vergossen wird“, seien zentrale Bestandteile des Stoffes, sagt Schulz. Es sei zu hoffen, dass der neue Film genau diese Seiten des Mythos sichtbar mache.
Für den Althistoriker steht jedenfalls fest: Wer Odysseus nur als klugen Heimkehrer betrachtet, verkennt die eigentliche Größe und Widersprüchlichkeit dieser Figur.
Raimund Schulz: „Odysseus. Mythos und Wahrheit“ ist erschienen bei Klett-Cotta.

