Es ist eine der bizarrsten und folgenreichsten Hetzschriften des 19. Jahrhunderts: In seinem 20-seitigen Pamphlet „Das Judentum in der Musik“ schrieb sich Richard Wagner 1850 seine Wut über den damals deutlich erfolgreicheren Kollegen Giacomo Meyerbeer (1791 – 1864) von der Seele. Der gebürtige Brandenburger jüdischen Glaubens war mit seinen opulenten und effektvollen Ausstattungs-Opern der Publikumsliebling von Paris, während der junge Wagner dort künstlerisch ignoriert wurde – trotz der ideellen und finanziellen Unterstützung durch Meyerbeer.
Diese narzisstische Kränkung wirkte bei Wagner offenbar noch Jahrzehnte nach. Jedenfalls warf er Meyerbeer eine „Verwirrung alles musikalischen Geschmacks“ vor und hielt das „Kaltlassende“ und „Lächerliche“ für das Kennzeichen „jüdischer“ Musik. Eine völlig absurde, sehr persönlich motivierte antisemitische Tirade, die umso grotesker wirkt, weil Wagner versucht, den Juden Heinrich Heine und Ludwig Börne eine „Sonderstellung“ einzuräumen. Ersteren schätze er wegen „hinreißenden Spotts“, zweiteren wegen dessen „Selbstvernichtung“.
„Kochender Antisemitismus als aufgeklärte Geisteshaltung“
Wagners judenfeindliche „Wutrede“ dürfte derzeit zahlreiche Leser finden, ist sie doch seit Tagen in den Schlagzeilen, vor allem im Kulturteil der „Süddeutschen Zeitung“. Zuletzt hatte der Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Hamburger Kultursenator Carsten Brosda dort daraus zitiert [externer Link] und mit Wagner abgerechnet: „Kochenden Antisemitismus versucht er als reflektierte und aufgeklärte Geisteshaltung zu verkaufen.“
Derweil versuchen sie bei den Bayreuther Festspielen eine Vortragsveranstaltung mit dem jüdischen Publizisten Michel Friedman zum Auftakt der Jubiläumssaison zu „finalisieren“, wie es aus der Pressestelle heißt. Bisher hat der Vorverkauf noch nicht begonnen. Der lange geplante Termin soll am 26. Juli stattfinden, nachdem er zwischendurch wegen „Sicherheitsbedenken“ abgesagt worden war. Ob der ursprünglich dafür angefragte Dirigent Christian Thielemann für die musikalische Umrahmung zur Verfügung steht, ist offen.
„In jener Stunde begann es“
Zwar fiel Friedman bisher nicht als Wagner-Experte auf, dürfte jedoch auf den, wie er es formuliert, „kontaminierten Boden“ Bayreuths zu sprechen kommen. Darunter ist nicht nur Richard Wagners Antisemitismus zu verstehen, sondern auch die rechtsextreme und antidemokratische Traditionspflege auf dem Grünen Hügel, die von Wagners Witwe Cosima und dem rassistischen Wagner-Bewunderer Houston Stewart Chamberlain (1855 – 1927) begründet wurde und bis weit in die deutsche Nachkriegsgeschichte reicht.
Friedmans Rede dürfte wegen des zwischenzeitigen Absage-Eklats in diesem Jahr mehr Aufmerksamkeit bekommen als die Eröffnungs-Premiere, ausgerechnet Wagners Frühwerk „Rienzi“ (1842), das noch nie in Bayreuth zu sehen war und das Adolf Hitler als „Erweckungserlebnis“ bezeichnet haben soll: „In jener Stunde begann es“, soll er 1939 gegenüber Winifred Wagner über eine Aufführung im Linzer Stadttheater geschwärmt haben.
In Bayreuth wird das vielstündige Werk über den titelgebenden italienischen „Volkstribun“ aus dem Spätmittelalter vom ungarischen Regieteam Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka inszeniert. Sie dürften dabei die heikle Werkgeschichte in den Mittelpunkt rücken, immerhin eröffnete die martialische „Rienzi“-Ouvertüre NS-Reichsparteitage.
„Fast nichts passiert“
Anno Mungen, der Leiter des Forschungsinstituts für Musiktheater in Bayreuth und Autor des gerade erschienenen Buches „Von Bayreuth nach Auschwitz“, hatte dem Evangelischen Pressedienst gesagt, in den letzten zwanzig Jahren sei bei der Aufarbeitung von Wagners Antisemitismus auf dem Grünen Hügel „fast nichts passiert“. Er bezeichnete es als „eigenartige Wahl“, zum 150. Geburtstag der Festspiele ausgerechnet den „Rienzi“ aufzuführen.
Den kommunikativen Umgang der Festspiele mit Friedmans geplantem Vortrag empfand der bayerische Kunstminister Markus Blume „leider mehr als unglücklich“. Auch deshalb stellt sich in diesem Jahr umso mehr die seit Wagners Tod 1883 heiß diskutierte Frage, ob es möglich ist, zwischen seinem Werk und seiner Geisteshaltung zu unterscheiden.
„Keine Missgeburt fehlt darunter“
Der diesbezüglich schärfste Kritiker dürfte der umstrittene Philosoph und Ex-Wagner-Fan Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) sein, der nach dem Besuch der ersten Bayreuther Festspiele 1876 entsetzt schrieb: „In Wahrheit eine haarsträubende Gesellschaft! Keine Missgeburt fehlt darunter, nicht einmal der Antisemit.“
Wagners Musik wirke wie der „fortgesetzte Gebrauch von Alkohol“, so sein Fazit: „Die Deutschen haben sich einen Wagner zurechtgemacht, den sie verehren können: Sie waren noch nie Psychologen, sie sind damit dankbar, dass sie missverstehen.“

