Aufgeschlitzte Kehlen, von Pfeilen durchbohrte Körper, Schiffe, die berstend kollidieren. Segel stehen in Flammen. Holz splittert. Eine Seeschlacht von solcher Größe, dass man zeitweise fast den Überblick verliert. Schon die erste Folge der neuen Staffel von „House of the Dragon“ wirkt wie eine Art Entschuldigung. Eine Entschuldigung dafür, dass die vorherige, zweite Staffel dem Großteil der Fans viel zu gemächlich ausfiel.
„House of the Dragon“ galt als vielversprechend
Damit machte das Spin-off „House of the Dragon“ zunächst genau das, woran „Game of Thrones“ in seinen letzten Staffeln scheiterte. Über Jahre sorgsam aufgebautes Worldbuilding und Figurenbögen wurden zunehmend dem hohlen Spektakel geopfert. Die Folge war ein massiver Backlash von Fans und Kritikern, die „Game of Thrones“ im Nachhinein ganz schnell wieder aus der Liste der besten Fernsehserien aller Zeiten verbannten.
Mit der ersten Staffel von „House of the Dragon“ konnte sich die Marke dann eigentlich wieder etwas guten Willen zurückholen. Endlich lag der Fokus wieder auf höfischen Intrigen und theatralen Dialogen über Ehre, Loyalität und die Last der Krone – und natürlich, wie immer in Westeros, gab es auch viel Inzest. In diesem Fall zwischen Onkel und Nichte.
Die zweite Staffel bot zu Beginn all das ebenfalls, trat dann jedoch über weite Strecken auf der Stelle und endete in einem verwirrenden Finale ohne wirkliche Klimax. Jetzt, mit neuer Staffel, wird es bei „House of the Dragon“ aber wieder episch und vor allem feurig.
Starke Figurenentwicklung in der neuen Staffel
Die ersten beiden Staffeln erzählten, wie die dysfunktionale Herrscherfamilie der Targaryens einen Erbstreit um die Krone immer weiter eskalieren ließ, bis daraus ein ausgewachsener Bürgerkrieg wurde. Im Zentrum standen dabei vor allem Rhaenyra Targaryen und Alicent Hightower – zwei Freundinnen seit Kindheitstagen, die sich in einen unversöhnlichen Machtkampf um Thronfolge, Loyalität und die Zukunft ihrer Kinder hineinsteigerten.
Nach dem Tod von Rhaenyras Vater und Alicents Ehemann, König Viserys, zerbrach ihre Beziehung an der Frage, wer rechtmäßig die Krone erben sollte. Ihre gemeinsamen Szenen gehören auch in der neuen Staffel wieder zu den stärksten Momenten und verleihen der Geschichte eine persönliche Ebene, die weit über politische Intrigen und tosendes Schlachtengetümmel hinausgeht.
Vor allem Emma D’Arcy als Rhaenyra war schon immer herausragend, erreicht hier jedoch neue Höhen. Ihre rohe Darstellung von endloser Trauer und rasendem Zorn ist die Serie schon fast allein wert. Aber auch sonst kann sich „House of the Dragon“ voll und ganz auf seinen starken Cast verlassen – das war schon in den vorherigen Staffeln so.
Klare Serienbotschaft
Neu ist, dass „House of the Dragon“ sich jetzt offenbar auch thematisch gefunden hat. Zuvor suchten die Autoren um Showrunner Ryan Condal noch händeringend nach Figuren, für die man in diesem Konflikt eindeutig Partei ergreifen konnte. Nun machen sie klar: Das hier ist ein unnötiger, ehrloser Krieg, der aus allen Beteiligten irgendwann Monster und Narren macht.
„House of the Dragon“ findet damit zu der thematischen Substanz zurück, die auch „Game of Thrones“ in seinen besten Staffeln immer ausgezeichnet hatte. Und spiegelt auf eine unangenehme Weise auch die Zeit, in der wir leben: Krisen, schwache Institutionen und Machteliten, die rücksichtslos um Einfluss kämpfen und das Ganze als Spiel begreifen, während die einfachen Menschen vor die Hunde gehen. Die Botschaft ist unmissverständlich. Egal, wer am Ende auf dem Eisernen Thron sitzt: Die Bevölkerung verliert.

