Keine Choreographie, keine große Inszenierung, nichts spektakuläres. Stattdessen werde sie einfach nur ihren Text vorlesen, der ihr so viel bedeute, betont Jovana Reisinger im BR-Gespräch. Reisinger ist Autorin, Filmemacherin, Kolumnistin, Schauspielerin, It-Girl. Und in dieser Woche, wenn in Kärnten zum 50. Mal die Tage der deutschsprachigen Literatur stattfinden, auch eine der 14 Autorinnen und Autoren, die um den mit 30.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis konkurrieren werden.
Live-Performance vor siebenköpfiger Jury
Die gebürtige Münchnerin liebt die Live-Performance. Vor den Fernsehkameras in Klagenfurt dürfte sie sich pudelwohl fühlen. Eine siebenköpfige Jury wird sich im ORF-Landestheater über ihren bisher geheimen Text beugen und diesen eine halbe Stunde lang loben oder zerpflücken. Man weiß es vorher nicht. Kritik als Schauspiel. Aber mit Kritik hat Jovana Reisinger kein Problem, im Gegenteil: „Ich liebe Kritik.“ Die Aufregung sei bisher noch minimal, die Vorfreude groß.
Aber halt: Um sich einer mitunter gnadenlos auf Texte eindreschenden Jury auszusetzen, muss man da eher masochistisch oder exhibitionistisch veranlagt sein? „Mit Sicherheit beides“, antwortet Reisinger. „Aber ich habe wirklich große Lust, mich dahinzusetzen und zu hören, was die zu sagen haben.“
Nominierung für Bayerischen Buchpreis 2021
Das Spiel, von einer Jury coram publico literarisch beurteilt zu werden, kennt sie schon: „Ich habe schon Erfahrung: Bayerischer Buchpreis. Da ist es auch schon so gewesen. Man lässt es über sich ergehen. Es ist ja auch ein bisschen witzig.“ 2021 war Jovana Reisinger mit ihrem kurzweiligen und überaus komischen Roman „Spitzenreiterinnen“ für eben diesen Bayerischen Buchpreis nominiert – und ging leer aus. War nicht schön, klar, aber „weiter geht’s“.
Die freiwillige „Tussi“
So pragmatisch wie flamboyant ist diese Künstlerin, deren Vorbild Paris Hilton ist und die sich selbst gern – kleine Provokation – als „Tussi-Autorin“ tituliert: „Ja, die liebe ich, die Zuschreibung. Die lasse ich auch nicht mehr los.“
Aber was gefällt der 36-jährigen so an dieser Selbstetikettierung? Es sei das einfache Spiel damit, „dass man einer ‚Tussi‘ irgendwie nicht zutrauen kann, dass sie auch intellektuelle, politische, feministische, gebildete Arbeit machen kann.“ Das sei so amüsant und ergiebig, dass sie sich dieses Attribut gerne zuschreibe.
Faszination um Ingeborg Bachmann
Jovana Reisinger, die in prekären Verhältnissen in Österreich aufgewachsen ist, liebt das Spiel mit Masken, mit der persona. Kein Wunder, dass sie an der Namenspatronin des Preises, der aus Klagenfurt stammenden Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, weniger deren Bücher faszinieren als vielmehr deren Fähigkeit, sich selbstbestimmt durch eine patriarchal geprägte Öffentlichkeit zu manövrieren.
„Ich habe mit Bachmann früh angefangen, sie zu lesen“, erinnert sich Reisinger. „Und ich finde, glaube ich, die Idee von ihr fast besser. Das Leben, für das sie steht, auch diese Art, wie sie zum Beispiel Interviews gegeben hat. All das reizt mich immer ganz stark.“ Die Prosa, die sie liebt, die habe hingegen eine andere Art von Sprachlichkeit. Viel näher sei ihr da jemand wie Marlen Haushofer mit ihrem Klassiker „Die Wand“ und Erica Jong mit ihrem feministischen Klassiker „Angst vorm Fliegen“.
„Ich liebe es, zu polarisieren“
„Pleasure“ – Genuss, Vergnügen – so heißt nicht nur Jovana Reisingers jüngstes Buch. „Pleasure“ verspricht sie sich auch von diesen 50. Tagen der deutschsprachigen Literatur. Und sollte es dann lauter Verrisse hageln, auch egal. Wer es sportlich nimmt, ist gewappnet: „Immer, wenn solche Verrisse kommen, finde ich es inzwischen auch ein bisschen lustig.“ Und das nicht, weil es lächerlich sei: „Ich finde es in erster Linie toll, dass sich die Leute so sehr mit meinem Werk auseinandersetzen. Und: Ich liebe es, zu polarisieren.“
Die 50. Tage der deutschsprachigen Literatur werden am Mittwoch, 24. Juni in Klagenfurt eröffnet. Der Ingeborg-Bachmann-Preis wird am Sonntag, 28. Juni vergeben.

