Ist die Fender Stratocaster ein Kunstwerk? Oder standen bei der Entwicklung dieser legendären Gitarre vor allem ergonomische Design-Überlegungen im Vordergrund – nach dem Motto „form follows function“?
Das ist die zentrale Frage, die Hans Thomann gerichtlich klären will. Wie viele andere Musikalienhändler erhielt der Weltmarktführer aus dem fränkischen Treppendorf im Mai eine Abmahnung. Die Anwälte von Fender haben schon dutzende solcher Schreiben an Händler und Gitarrenbauer verschickt. Sie wollten damit durchsetzen, dass Kopien der Fender Stratocaster oder auch davon inspirierte Modelle aus dem Markt verschwinden. Seither herrscht in der Musikwelt große Aufregung.
Kunst oder Design – der feine Unterschied
Der Branchenriese Thomann hat nun reagiert, und zwar mit einer eigenen Klage gegen Fender. Das Unternehmen ist gleich doppelt betroffen: einmal als Händler, der viele Gitarren mit sogenannter „S-Form“ vertreibt, zum anderen als Hersteller der Eigenmarke Harley Benton, die ebenfalls Stratocaster-ähnliche Instrumente im Programm hat.
Die von Thomann beauftragten Juristen argumentieren, dass die Abmahnungen durch den US-Hersteller und ihre Begründungen ungerechtfertigt seien. Der Fürther Anwalt Rainer Heimler sagte dem BR, Fenders Vorgehen stehe auf sehr wackligen Beinen. Das fange bei einer entscheidenden Frage an: Ist die Korpusform der „Strat“ ein Ergebnis angewandter Kunst oder schlichtes Industriedesign?
Für beide Fälle gelten sehr unterschiedliche Fristen. So erlischt ein Designschutz nach 25 Jahren. Ein Werk der angewandten Kunst ist dagegen für eine Spanne von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers geschützt. Da Leo Fender im Jahr 1991 starb, würde bei einer Bewertung der Instrumente als Kunst noch für Jahrzehnte ein Schutz gelten.
Ein Urteil und viele offene Fragen
Hintergrund der Abmahnwelle und des Streits ist ein sogenanntes Versäumnisurteil aus dem vergangenen Jahr. Fender hatte 2025 vor einem Düsseldorfer Gericht wegen mutmaßlicher Urheberrechtsverletzungen einen chinesischen Hersteller verklagt. Weil dieser nicht zur Verhandlung erschien, wurden alle Argumente Fenders anerkannt (externer Link) und in das Urteil übernommen, ohne jedoch überprüft zu werden.
Dies sei rechtlich prinzipiell üblich und an sich auch nicht zu beanstanden, sagt Thomanns Anwalt Heimler. Die anschließende Abmahnwelle Fenders hingegen sei mehr als fragwürdig, da sie eben auf ungeprüften Behauptungen beruhe.
Thomann: „Gerechtigkeitsgefühl verletzt“
Thomann sieht sich mit seiner Klage gegen Fender auch als Vertreter der gesamten Branche. In einem Blogbeitrag (externer Link) heißt es von Firmenchef Hans Thomann, das fränkische Unternehmen sei einst als kleiner Musikalienhandel in der tiefsten Provinz gestartet. Man wisse, dass viele von der Abmahnwelle betroffene Kleinunternehmen nicht die finanziellen und rechtlichen Möglichkeiten haben, sich gegen Fender zu wehren.
Auch deswegen habe man sich zur Klage entschlossen: „Vielfalt, Fairness und ein respektvoller Umgang miteinander gehören seit jeher zu unserem Selbstverständnis. Wir sehen es deshalb als unsere Verantwortung, diese Angelegenheit nicht nur für unser eigenes Unternehmen, sondern für alle Beteiligten gerichtlich klären zu lassen.“
Im Gespräch mit dem BR lässt Inhaber Hans Thomann anklingen, dass Fender mit seinem Vorgehen sein persönliches Gerechtigkeitsgefühl verletzt habe. Auch deshalb wolle er seine Klage konsequent durchziehen. Die finanziellen Möglichkeiten dafür hat er jedenfalls. Laut Thomann lag der Umsatz seines Unternehmens zuletzt bei 1,6 Milliarden Euro.
Fender rudert etwas zurück, lässt aber viele Fragen offen
Für Fender ist der Streit um die Stratocaster bisher vor allem ein PR-Debakel. Auf Musiker-Foren reicht die Kritik am Vorgehen des Unternehmens bis hin zu Boykott-Aufrufen. Auch im Handel sind offenbar Auswirkungen spürbar. Ein bayerischer Gitarrenhändler, der nicht namentlich genannt werden will, sagte dem BR, Fender-Instrumente seien derzeit bei der Kundschaft deutlich weniger gefragt als noch vor ein paar Monaten.
Inzwischen hat sich auch das Management des US-Unternehmens geäußert. Bei einem Meeting mit US-Händlern hieß es, man wolle nur die „dreistesten Kopien“ aus dem Markt drängen, nicht aber alle S-Type-Instrumente. Aus Sicht von Thomann und anderen Branchenvertretern ist das eine problematische Behauptung. Denn bisher habe Fender nicht genau erklären können, ab welcher Grenze das Unternehmen eine solche „dreiste Kopie“ sieht.

