Großer Jubel brach sich im Klagenfurter ORF-Landestheater Bahn, bei Bekanntgabe des mit 30.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preises, zu dem sich noch einmal 10.000 Euro gesellen, weil Lena Schätte auch den Publikumspreis sowie den Preis des Carinthischen Sommers gewann. Damit ist das literarische Sommermärchen perfekt: Mit 40.000 Euro fährt die Autorin, Psychiatrie-Krankenschwester und Literaturvermittlerin nach Hause.
Gewinnertext, der einfach und komplex zugleich ist
Die 32-Jährige erlas sich die Auszeichnungen mit ihrem Sieger-Text „Was wir tragen“, einer Geschichte über zwei adipöse Mädchen, die unter ihrer Korpulenz leiden und sich zur Wehr setzen gegen das Mobbing und Fatshaming ihrer Umwelt, es dabei selbst auch nicht an Bösartigkeit fehlen lassen – weshalb es zu billig wäre, diese Geschichte mit der Modevokabel „Empowerment“ zu belegen. So lobte der Juror Thomas Strässle die „existentielle Wucht“ und „stupende Unsentimentalität“, durch die die Story besteche.
So mehrgewichtig Lena Schättes Figuren sind, so literarisch schwergewichtig ist nach dem Urteil der Jury die Darstellung ihrer Probleme. Tief beeindruckt zeigte sich auch die Jurorin Laura de Weck. Für sie habe Lena Schätte eine literarische Superkraft. Obwohl Schätte ihre Sprache sehr klar, einfach und nüchtern halte, entstehe etwas „sehr Komplexes und Emotionales“.
Mehr Aufmerksamkeit auf Body Positivity
Die Autorin selbst, die in einem der Vorjahre noch als Zuhörerin im Klagenfurter Publikum gesessen hatte, gestand freimütig ein, sich schon allein durch die Einladung zum Bachmann-Wettbewerb so selbstbewusst wie noch nie nun „Schriftstellerin“ nennen zu können. Sie sei froh, dass mit der Kür ihres Textes das Thema Body Positivity eine größere Öffentlichkeit erhalte. Das Thema betreffe so viele Menschen, die „so isoliert leben und nicht richtig gesehen werden, obwohl sie eigentlich so sichtbar sind“, so Schätte. „Und da fand ich die Aufmerksamkeit ganz besonders schön.“
Frauen standen in Klagenfurt im Fokus
Insbesondere Frauen Sprache und Gesicht zu geben, war das insgeheime Motto dieser 50. Tage der deutschsprachigen Literatur. Das erkannte man auch an den Nebenpreisen: Ungarischstämmigen Arbeitsmigrantinnen setzt die mit dem Kelag-Preis bedachte Sprachklangartistin Kinga Tóth ein Denkmal, die selbst als gebürtige Ungarin in Niederösterreich lebt und für ihren Text „Ostblock-Mädel“ ausgezeichnet wurde. Eine Nicht-Muttersprachlerin.
Magdalena Schrefel wiederum bekam für ihren offenbar ebenfalls autobiografisch grundierten Text über eine an Brustkrebs Erkrankte den 3sat-Preis zugesprochen. „Keine neue Welt ohne neue Sprache“, so hatte es Ingeborg Bachmann, die Namenspatronin des Klagenfurter Wettbewerbs, einst geschrieben. In Schrefels Geschichte „Kirschen, Herz mit Verband“ heißt es ebenso programmatisch: „Es gibt bis heute kein bildgebendes Verfahren, in dem der Mensch als Ganzes sichtbar werden kann, außer das Geschichtenerzählen.“
Ozan Zakariya Keskinkılıç schließlich erhielt für seine Geschichte „Vater ohne Sohn“ den Deutschlandfunk-Preis. Und auch er wartete in seinem Text mit einer Art Sentenz auf; „Es gibt nur zwei Wahrheiten auf der Welt, denke ich. Du wirst geboren und du stirbst. Alles dazwischen ist Interpretation.“

