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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Christine Wunnicke ist Georg-Büchner-Preisträgerin 2026
Kultur

Christine Wunnicke ist Georg-Büchner-Preisträgerin 2026

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 9. Juli 2026 11:47
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Es ist ein schöner Zufall, dass der jüngste Roman von Christine Wunnicke auch zu dem Epochenbruch führt, der Georg Büchner – Namensgeber des wichtigsten Literaturpreises in Deutschland – so intensiv beschäftigte: zur Französischen Revolution. In „Wachs“ (2025) erzählt die Schriftstellerin vom berühmtesten französischen Anatom des 18. Jahrhunderts. Und der war kein hochdekorierter Herr-Professor-Doktor, sondern eine Frau: Marie Biheron aus Paris.

Inhaltsübersicht
Geschichten aus der großen GeschichteAufklärung und ZirkusSchöner Grusel und GeisterDie Fragen der Gegenwart

Geschichten aus der großen Geschichte

Die Zeit des Terrors – das große Thema in Büchners Drama „Dantons Tod“ – erlebt Marie als betagte Frau in der französischen Hauptstadt. In „Wachs“ entsteht, in vielen Rückblicken, das Bild ihres Lebens im Ancien regime. „Wie kann einen das nicht faszinieren, dass eine 13-jährige an geklauten Leichen im Schlafzimmer-Selbststudium Anatomie lernt“, sagt die Schriftstellerin über ihre Hauptfigur. „Da braucht man einen wahnsinnig starken Willen. Und wie die ihren komischen, schrägen Weg dort gemacht hat.“

„Komisch“ und „schräg“ sind auch schöne Worte für die Geschichten, die Christine Wunnicke in ihren zumeist schmalen, sprachlich pointierten und dichten Romanen erzählt. Sie handeln von Geschichten aus der Geschichte, die man eigentlich kennen könnte und doch erst im Lesen dieser Prosa entdeckt. Oft sind es Geschichten aus dem 18. Jahrhundert.

Aufklärung und Zirkus

Der Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ (2020) handelt von einer Reise des Mathematikers und Kartografen Carsten Niebuhr durch die persische Welt. „Wachs“ wiederum auch von der Aufklärung. Der Enzyklopädist Diderot etwa, einer der berühmtesten Denker der Epoche, hat einen schönen Auftritt im Buch. Er bewundert das Wissen von Marie Biheron – und eine anatomische Puppe aus Wachs, die sie – detailgetreu – konstruiert hat.

Auch diese Technik, das Modellieren, brachte sie sich selbst bei, sagt die Schriftstellerin: „Ein komplettes anatomisches Wachs-Modell, wo man jedes Teilchen vom Körper extra herausnehmen und angucken und umdrehen kann, das ist pädagogisch toll, macht was her und hat auch einen Grusel bei sich. Anatomische Puppen, das ist ja auch Horror. Es ist auch ein bisschen Zirkus dabei.“

Schöner Grusel und Geister

Der schöne Grusel wäre ebenfalls ein Thema, das Christine Wunnicke mit Freude immer wieder aufgreift. Ihr Roman „Katie“ (2017) handelt von einer Geisterbeschwörung im viktorianischen London. Die Schriftstellerin und Geschichtensammlerin, 1956 geboren, stammt aus München. Zu ihrem Werk gehören neben einer Reihe von Romanen Hörspiele, Radiofeatures und Essays – demnächst erscheint ein kleines Buch über Papageien. Ebenso arbeitet Christine Wunnicke, heute in ihrer Geburtsstadt und in Berlin lebend, als literarische Übersetzerin.

Wie sie die historischen Stoffe für ihre immer wieder mit bestechender Ironie geschriebenen Romane findet, ist ihr selbst ein Rätsel. Vielleicht finden die Stoffe sie. „Eigentlich immer durch Zufall“, sagt sie. Und: „Ich hab ein Beuteschema, das mir selber nicht ganz bewusst ist. Und wenn da irgendwas reinpasst, dann schreit das ‚Hallo‘ und dann schreibe ich es auf einen Zettel und lass den ewig liegen. Und irgendwann finde ich ihn. Und dann ist das das vielleicht.“

Die Fragen der Gegenwart

Ein Hoch auf das Beuteschema dieser Erzählerin und Stilistin! Ihre Romane waren übrigens mehrfach für den Deutschen Buchpreis nominiert. Nun erhält Christine Wunnicke, nach etlichen Ehrungen für ihre Literatur (zuletzt der Jean-Paul-Preis) den Georg-Büchner-Preis. Als Preisträgerin folgt sie auf Ursula Krechel, Oswald Egger und Lutz Seiler. Die Preisverleihung findet am 24. Oktober in Darmstadt statt, im Rahmen der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Und Christine Wunnicke findet hoffentlich, nach der freiwilligen Schließung ihres Verlages – des kleinen, unabhängigen Berenberg-Verlages – bald eine neue Heimat für ihre Bücher. Deren Lektüre lohnt sich unbedingt. Weil wir in diesen literarischen Imaginationen zum einen verschüttete Vergangenheit, zum anderen auch stets Fragen unserer eigenen Gegenwart entdecken können: im Fall von „Wachs“ die Repräsentation von Frauen oder die Sehnsucht nach einem freien Leben und Lieben.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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